Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 234 (sequence 5)
- Language
- German
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Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge getragen waren, denen es also an seelischem Hinterland fehlte. Umgekehrt zeichnen sich die Neugründungen aus dieser Zeit durch die innere Verbundenheit ihrer Träger, durch die verständnisvolle und klare Hinwendung zur einzelnen Kinderpersönlichkeit seihst aus. Inzwischen hatte auch die Erziehungsorganisation eine pädagogische Struktur erhalten. Die Ablösung der Erziehungsfürsorge von der Armen- und Wohlfahrtspflege als Ganzem kommt allerdings noch nicht klar zum Ausdruck, obwohl man in den geschlossenen Anstalten sich bereits vor langer Zeit darum bemühte und obwohl unmittelbar nach der Gründung der Zentral wohlfahrtstelle der deutschen Juden sich pädagogische Arbeitsgemeinschaften gebildet haben. In einzelnen Anstalten allerdings hat sich ein pädagogisches Programm schon stärker konkretisiert. Im inneren Leben der einzelnen Anstalten spielt nicht mehr wie früher die Berufsfrage oder das Problem der Angleichung der Anstaltserziehung an die Familienerziehung eine Rolle, vielmehr bemüht man sich gegenwärtig, aus der Einsicht, daß eine Kindergemeinschaft etwas grundlegend anderes ist als eine Familie, um die Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens. Dieser Aufgabe ordnet sich auch die religiöse und jüdische Erziehung ein. Während es hier früher Ziel der Erziehungsfürsorge war. die Kinder zu einem Leben nach den Vorschriften der Religion zu befähigen, steht jetzt das Gemeinschaftsleben im Vordergrund, das man jüdisch-religiös durchdringen will. Nach jeder Richtung hin ist also nunmehr ein eindeutig pädagogischer Sinn lebendig geworden. Die Bedeutung der Erziehungsfürsorge ist eine zweifache: in ihrem Umkreis hat sich eine neue jüdische Pädagogik entwickelt, und sie hat dazu beigetragen, daß das Judentum auch im 19. Jahrhundert gelebt, gestaltet und weitergetragen wurde. Während die altjüdische Pädagogik Familienpädagogik war, die mittelalterliche Schulpädagogik — denn sie erhielt ihre Prägung durch das Chedersystem —, ist die neue Gemeinschaftspädagogik. Zu ihrem Aufstieg trug die Begegnung junger Menschen verschiedener Kulturkreise aus jüdischem Gemeinschaftsgefühl zur jüdischen Tat, zum jüdischen Lernen bei. Sie wurde belebt durch die Erziehung Gefährdeter; sie wäre nicht möglich gewesen ohne die ernste praktische Arbeit gesinnungsmäßig eng verbundener Menschen. Die zweite Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge ist kultureller Art. Sie ist ein Produkt jenes Zeitalters, dem man außer der Schöpfung einer Wissenschaft jede jüdisch-schöpferische Leistung abzusprechen pflegt. Die Erziehungsfürsorge hat für sich selbst jene Lebenstotalität gefunden, welche der Kulturverein ersehnt hat, jedoch nicht ver-* wirklichen konnte. Mag auch das Judentum in der Erziehungsfürsorge zeitweilig verdünnt und veräußerlicht gewesen sein; man bemühte sich auf jeden Fall darum, jüdische Inhalte im Leben zu formen. Innerhalb der Gesamtkultur der Juden kommt also der Erziehungsfürsorge die Bedeutung eines Zwischengliedes zwischen der früheren Lebenseinheit und der gegenwärtigen, gerade im Umkreis der Erziehungsfürsorge einsetzenden jüdischen Renaissance zu. HildeOttenheimer 234