Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 232 (sequence 3)
- Language
- German
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Hilde Ottenheimer sorge treffen und vor künftiger Not bewahren, wollte sozialhygienisch Krankheiten vorbeugen und endlich durch sozialpädagogische Maßnahmen vor sittlichen und sozialen Gefahren schützen. Als eine wesentlich wirtschaftlich-sozialpolitische Aufgabe ist die Erziehung zu landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen entstanden. Eine Gegenmaßnahme gegen die Folgen der Industrialisierung bildet auch die Kindererholungsfürsorge. Der Vorbeugung vor den Gefahrender Großstadt diente endlich auch die Jugendpflege. Hier hat sich ein besonders stürmischer, die ursprünglich pflegerische Bedeutung sprengender Gestaltwandel durch den Einbruch der Jugendbewegung geltend gemacht. Im Hinblick auf einzelne Gruppen schütz- und erziehungsbedürftiger Kinder zerfällt die jüdische Erziehungsfürsorge in drei sachlich verschiedene Aufgaben: die Heilerziehung, die Gefährdetenfürsorge und das Vormundschaftswesen. Die erste Form jüdischer Heilerziehung war die Taubstummenfürsorge; später wandte man sich der Erziehung geistig kranker und endlich auch der von psychisch kranken, sogenannten schwererziehbaren Kindern zu. Von der Gefährdetenerziehung, entstanden aus der Bekämpfung des Mädchenhandels und der staatlichen Fürsorgeerziehung, ging später eine spezifisch pädagogische Bewegung aus. Das jüdische Vormundschaftswesen erhält seine Prägung besonders durch den bevölkerungspolitischen Zug, die Kinder in eine jüdische Umgebung zu verpflanzen, damit der jüdischen Gemeinschaft kein Kind verloren gehe. Träger der Erziehungsfürsorge sind Persönlichkeiten, die sich materiell und persönlich in den Dienst der verschiedenen Aufgaben gestellt haben und zu deren Förderung Vereine bildeten. Obwohl man z. B. in den Kreisen des Kulturvereins von 1819 ziemlich verächtlich von der „Rachmonesstimmung" unter den deutschen Juden sprach, war die finanzielle Unterstützung oft der erste Ansatz zu gemeinsamer, sogar die religiösen Gegensätze überwindender Betätigung. Erst gegen Ende des Jahrhunderts fanden sich angesichts der Massennotstände weitere Kreise zu persönlicher Mitarbeit bereit; seit dem Kriege wird die Erziehungsfürsorge überwiegend von beruflich ausgebildeten Kräften getragen. Ihrem Wesen nach ist die jüdische Erziehungsfürsorge ein Werk der Gemeinschaft. Nur wenige Einzelpersönlichkeiten haben grundlegend auf ihre Gestalt eingewirkt. Unter ihnen ist vor allem Baruch Auerbach, der Schöpfer der geschlossenen Fürsorge, zu nennen. Er verkörpert den eigenartigen Typ eines jüdischen Pietisten und hat, wie sein stets bewundertes Vorbild Francke in Halle, aus eigener Kraft seine oft nachgeahmte Berliner Anstalt gegründet (i833) und geleitet. Aus den gleichen Motiven wie er unternahm Fanny Nathan Werbereisen, von ihr selbst „philanthropische Wanderungen" genannt, und begründete (185 6) mit deren Ertrag ein Waisenhaus in Paderborn, das sie selbst lange Zeit leitete. Auch mit seiner praktisch-seelsorgerlichen, in dem Begriff der „Rettungshäuser" zum Ausdruck kommenden Seite wurde der Pietismus in der jüdischen Erziehungsfürsorge wirksam. Aus echter pädagogischer Begeisterung wurde Markus Reich zum Schöpfer der 232