Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 231 (sequence 2)
- Language
- German
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Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge halten, eine eigenartige jüdische Erziehung neu zu entwickeln und zugleich die Kontinuität jüdischen Lebens weiterzutragen. An dieser Bedeutung für das Judentum hat sie festgehalten, und das äußerte sich in einer stärkeren Verantwortung für das gesamtjüdische Leben als dies z. B. bei dem ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammenden jüdischen Schulwesen der Fall war. Das Schulwerk stellte sich in Gegensatz zur Erziehungsfürsorge in den Dienst der einzelnen jüdischen Richtungen. Schon die Entstehung von Schule und Erziehungsfürsorge, den beiden pädagogischen Leistungen der jüdischen Gemeinschaft, zeigt eine verschiedenartige geistige Zielsetzung, die sich teilweise aus ihrer Entstehungszeit erklärt und erst seit dem letzten Jahr überwunden zu sein scheint Die erste Welle der jüdischen Schulgründungen in der Mendelssohnperiode wirkte im Sinne der Aufklärung und verfolgte allgemeinmenschliche Ziele; tatsächlich wurden die Schulen in steigendem Maße der Assimilierung dienstbar gemacht In die etwa fünfzigjährige Pause, nach welcher als Rückschlag auf die humanitären Tendenzen im Judentum das Schulwerk der Neoorthodoxie begründet wurde, fällt die erste Gründungswelle der Erziehungsfürsorge. Hier pflegte man kein rational-humanitäres, sondern ein gefühlsmäßigreligiöses Judentum; man stellte sich so entschlossen in den Dienst der jüdischen Gesamtheit, daß man sogar den Kindern gar nicht kindgemäße religiöse Gemeindepflichten übertrug. Die Gründung der Mehrzahl von Einrichtungen der Erziehungsfürsorge fällt jedoch in die zweite, wiederum etwa fünfzig Jahre dauernde stille Zeit im Schulwesen, in die des ausgehenden Jahrhunderts. Während die Schule dieser Epoche in den Kampf zwischen Liberalismus und Orthodoxie hineingerissen war, wuchs in der neuentstehenden Erziehungsfürsorge ein ganz neues, über die Richtungen hinausgreifendes jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein. Die dritte Welle der Erziehungsfürsorge nach dem Kriege fällt zeitlich zusammen mit einem katastrophalen Rückgang der jüdischen Volksschulen. Seit dem letzten Jahr herrscht nun wiederum neues Leben, und erst jetzt macht sich auch in der Schule jener eigenartige jüdische Gemeinsinn geltend, der die Erziehungsfürsorge von Anfang an durchdrungen hatte. Statistisch betrachtet besteht die Erziehungsfürsorge gegenwärtig aus 91 geschlossenen Anstalten, 102 halboffenen (Kindergärten, Jugendheimen usw.) und i34 offenen (Vereinen, Verwaltungs-, Beratungs- und Fürsorgestellen). Das ganze System dient der Erziehung, der Freizeitgestaltung und der berufliehen Förderung von Kleinkindern, Schulkindern und Jugendlichen, Die geschlossene und halboffene Fürsorge strebt ihre Ausdehnung auf Kleinkinder und auf Jugendliche, auch über das schulpflichtige Alter hinaus, an und dezentralisiert sich durch das Entstehen von Spezialeinrichtungen für körperlich, geistig und seelisch besonders schutzbedürftige Kinder. In der offenen Erziehungsfürsorge herrscht dagegen das Bestreben nach Zentralisierung der Einrichtungen und Zusammenfassung der Kräfte. Eine Reihe von Maßnahmen der Erziehungsfürsorge ist aus methodischen Gründen der Vorbeugung entstanden: man wollte wirtschaftlich Vor- 231