Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 230 (sequence 1)
- Language
- German
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Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge Die jüdische Erziehungsfürsorge in Deutschland ist seit kurzer Zeit zu einem eigenartigen Bereich jüdisch-kulturellen Lebens geworden. Sie ist entstanden aus der altjüdischen Waisenfürsorge, die auf Grund religiös-ethischer Vorschriften den Waisen rechtlich und sozial eine Sonderstellung zuwies. Sie ist weiterhin herausgewachsen aus dem von humanitären Gesichtspunkten beherrschten Wohlfahrtswesen. Dieses nahm sich aus Gründen des Mitleids, aus „Rachmones", oder um der Zedakah willen, jener Gerechtigkeit, in welcher das Gefühl des Mitmenschseins mit Güte und Pflicht sich durchdringt, aller Armen und so auch der hilfsbedürftigen Kinder an. Die Erziehungsfürsorge ist aber weder von religiös-ethischem noch humanitärem, sondern von pädagogischem Geiste durchdrungen: sie ist weit entfernt, dem hilfsbedürftigen Kinde irgendeine Sonderstellung einzuräumen; sie denkt ebensowenig daran, es zu bewahren und zu versorgen, nur weil es Not und Mangel leidet, weil es arm und schutzlos ist. Vielmehr erzieht sie das Kind, weil es der zukünftige Erhalter des Judentums ist In der Erziehungsfürsorge ist ein neuer jüdischer Gemeinsinn von schöpferischer Bedeutung durchgebrochen. Voraussetzung der Erziehungsfürsorge war eine Wandlung der Anschauungen über die Tatsache kindlicher Hilfsbedürftigkeit. Sie konnte ferner erst entstehen, als man sich des bunten Netzes organisatorischer und rechtlicher, methodischer und sachlicher Maßnahmen im Interesse hilfsbedürftiger Kinder, die im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden waren, als einer Einheit bewußt wurde; als die Menschen, die sich materiell und persönlich in Vereinen oder Bünden in den Dienst solcher Bestrebungen stellten, ihre innere Verbundenheit erlebt hatten. Endlich mußte sich die Erziehungsfürsorge erst freimachen von ihr wesensfremden Gesichtspunkten, unter die sie im Zusammenhang mit geschichtlichen Ereignissen und geistesgeschichtlichen Strömungen gestellt wurde, um klar und eindeutig ihrem pädagogischen Sinn Ausdruck geben zu können. Alle diese äußeren und inneren Wandlungen vollzogen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts im Schöße der jüdischen Gemeinden, wenn auch meist außerhalb der Gemeindeverwaltungen. Man hat die Lockerung des jüdischen Familienlebens im letzten Jahrhundert und den Verlust an erzieherischer Kraft vielfach beklagt. Der jüdischen Erziehungsfürsorge war es da. wo die Familie versagte, vorbe- 230