Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Jüdische Sprichwörter
Date
1934-08-01
Page
228 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895532-2904149--07323-2904206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Sprichwörter Ich omere schon langl In der Schrift heißt es in bezug auf das Wochenfest (3. B. M. 23, 15): „Und ihr sollt zählen vom andern Tage des Sabbats, vom Tage, da ihr das Omer (die erste Garbe) der Wendung gebracht, sieben volle Wochen." Das ehemalige Landvolk in Palästina, dem es ohnedies an einem Kalender gefehlt hat, mochte, um nicht irre zu werden, jeden verflossenen Tag der „Omer-Zeit" sich angemerkt und wirklich gezählt haben, damit es nach Verlauf der sieben Wochen der Gerstenernte das Wochen- oder Erntefest zur Zeit feiere. Diesem allmählich zur Gewohnheit gewordenen, täglichen Zählen gab nun die spätere Mystik einen anderen Grund und heiligte es, so daß von vielen heute noch, trotz unsern guten Kalendern, der Verlauf der 49 Tage bis zum Wochenfeste täglich abends gezählt oder, wie das Volk sich ein sonderbares Verb gebildet hat, geomert wird. Auf die erinnernde Frage daher: „Hastu schon geomert?" hörte man oft, besonders wenn die Umstände des Befragten nicht die besten waren, die Antwort: „Ich omere schon lang'!" — ich zähle und harre schon lange auf eine bessere Zeit. Er handelt mit S che em es-Blätter' I Als scherzhafte Antwort auf die Frage: „Was treibt der Mann? Wovon lebt er?" „Er handelt mit zerrissenen Gebetbüchern!" Er treibt nichts. — „Scheemes" (schemot, Namen) heißen die einzelnen Blätter eines zerrissenen hebräischen Buches, besonders eines Gebetbuches, die zwar, weil sie den Namen Gottes hin und wieder enthalten, aus Pietät gesammelt, an heiligen Orten bewahrt oder vergraben werden, aber freilich ohne Wert sind, da sie nicht als Makulatur gebraucht werden dürfen. Ähnlich sind die Redensarten: „Er lebt vom Gutglück." „Er lebt von Hand zu Mund." Hatte jemand ohne alles Vermögen geheiratet, so hörte man als Antwort auch sehr witzig: „Er fangt sich eine Gerberei an, er hat Lo un sie hat Lo". (Wortspiel mit dem hebr. lo, nichts, und dem deutschen Loh'). Balbos! was hat Ihr vorhin gesagt? Als neckisches Wort gegen jemand, der, obgleich er sich den Schein nicht geben will, es offenbar bereut, eine Anerbietung, ein Geschenk u. dgl. aus Ziererei oder sonst einer Ursache zurückgewiesen zu haben. — Einem zu Tische gebetenen „Polak" ward von einer Speise zum zweitenmale angeboten. Bescheiden sagte er: „Ich danke", in der Erwartung freilich, daß der Hausherr ihn noch einmal nötigen werde. Als dieses jedoch nicht geschah, da frug der Polak denselben: „Balboes (baal-bajit, Hausherr), was habt Ihr vorhin gesagt?" 228

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.