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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Jüdische Sprichwörter
Date
1934-08-01
Page
227 (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Sprichwörter In der Bücherei des Schocken-Verlages erscheint demnächst eine gekürzte Neuausgabe der 1860 veröffentlichten „Sprichwörter und Redensarten deutschiüdischer Vorzeit" von Abraham Moses Tendlau. Mit Erlaubnis des Verlages bringen wir einige dieser sprichwörtlichen Redensarten mit Tendlaus Erläuterungen. Sie bieten einen teils vergessenen, teils heute noch lebendigen Schatz jüdischer Lebensweisheit und alten Brauchtums, in dem heute vielleicht mancher innige und vertraute Züge erkennen wird. Der Vorrede von 1860 entnehmen wir den folgenden Absatz, der sich besonders auf die sprachliche Ausdrucksform bezieht: »Der Verfasser bedauert, daß es ihm nicht immer möglich war, das Kurze und Körnige des hebräischen oder auch nur jüdisch-deutschen Ausdrucks auch für das rein Deutsche zu gewinnen, und deshalb hat er auch, nachdem er lange geschwankt, sich endlich entschlossen, die Sprichwörter und Redensarten vollständig in ihrer ursprünglichen Form und gewöhnlichen Aussprache mit Beibehaltung selbst des verdorbenen deutschen Ausdrucks zu geben. Zudem wird von dem Unkundigen gar manches eben in Form und Wendung für Mauschelei gehalten, was bei näherer Untersuchung sich als altdeutsch oder auch als noch jetzt lebende Gauart (Provinzialismus) ergibt. Gar viele altdeutsche Ausdrücke (Archaismen), welche aus der Schrift und aus dem Leben längst geschwunden sind, waren bei dem alten deutschen Juden mit seiner undurchdringlichen Abgrenzung im Leben, bis in die neue Zeit herein unverrückt stehen geblieben". Sein Malech is kaan Gascht! „Sein Engel ist kein Bettler!" Das Glück begünstigt ihn nicht mit Kleinigkeiten. Mit Kleinigkeiten gibt er sich nicht ab. — Malach, hebr. Engel. — „Gascht", Gast, bezeichnet im jüdisch-deutschen Dialekt zuvörderst einen umherziehenden Bettler, weil dieser besonders an Sabbat und Festtagen, zu Gast geladen wurde; dann einen Armen überhaupt, indessen man zur Bezeichnung des ehrbaren Gastes sich gern des hebr. oreach bediente, vgl. „Mit Lieb sei euch euer Orech!" — Unsere Redensart lehnt sich übrigens an den Volksglauben, daß jeder Mensch seinen eigenen Engel, seinen Genius habe. (Vgl. Apostelgesch. 12, 15: „Sie sprachen: Es ist sein Engel.") Daher hieß es auch, wenn man dem Kinde, das zum ersten Male hebräisch lesen lernte, über den Kopf hinab Süßigkeiten auf das Alphabet warf: „ihm einen Malech werfen", als ob sein Engel es ihm herabgeworfen, und von einem Kinde, das an einem Fasttage zum ersten Male fastete, und, wie gewöhnlich, in seinem teils kindisch eiteln, teils kindlich frommen Eifer gut fastete, hieß es: „sein Malech fascht noch mit'm." (Vgl. auch Matth. 18,10.) 227

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