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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 222

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Die Sendung des Heils
Date
1934-08-01
Page
222 (sequence 3)
Language
German
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Manfred Sturmann Tage. „Herr, was schickst du mir Samael, den Todesengel!"schrie der Rabbi zu Gott, „schicke ihn, damit er mich abrufe, aber nicht, damit er mich versuche!" Der Rabbi getraute sich nicht mehr zu schlafen. Er schlief nur mehr am Tage, über seine Bücher gebeugt, wenige Stunden. Zog aber die Dämmerung herauf und nahte die Nacht, dann ließ er sich von seinen Schülern wecken und wachte und lernte bis zum Morgen. * i^cht lange hierauf nahm Rahel, Rabbi Amrams Mutter, eine junge Magd auf, eine Vollwaise, die ihr fromme Leute gebracht hatten. Das junge Ding zeigte sich anfangs wenig anstellig, doch unter der mütterlichen Bemühung Raheis lernte es bald ihre Arbeit und die frommen Bräuche des Hauses, von denen es während seiner elternlosen Kindheit nur wenig erfahren hatte, auch manches von dem, was ein kluges Weib vom Leben zu wissen hat. Die Magd hieß Lea und war sechzehn Jahre alt. Sie war sehr schön. Ihr Haar hatte den schwarzen Glanz polierten Ebenholzes, ihr Antlitz aber die Helle frischen Schnees. Ihre Gestalt war hoch und ausgeglichen, ihre ganze anmutige Erscheinung erinnerte mehr an die einer Königstochter denn an die einer Magd. Trotz ihrer Jugend hatte Lea einen Hang zur Schwermut. Sie lachte nur selten und besaß keine Gefährtinnen, die Freizeit in fröhlichem Umgang zu vertun. Einmal, am frühen Morgen, ging Rabbi Amram am Flusse spazieren. Er hatte nach seiner Gev/ohnheit die Nacht lernend durchwacht und erquickte sich nun, nachdem er sein Morgengebet gesprochen hatte, an der sonnigen Kühle des jungen Tages. Das Flußufer zog sich weit über buschiges Weideland hin, der Morgen war erfüllt von dem Gezirp der Grillen und dem Jubel der Feldlerchen. Friede war über das Land gebreitet wie eine segnende Hand, und Friede zog ein in das Herz des Rabbi. Als der Rabbi heimschritt, sah er am Flußufer die Magd Lea. Sie kniete auf einem Holzsteg, beugte sich tief über das Wasser und wusch die Wäsche. Und wie ein herbeigewehtes Saatkorn im brachen Boden aufgeht, und wie ein einziger Gedanke im Hirn eines Menschen diesen um und um zu wandeln vermag, so verhaftete sich der Anblick der jungen Magd in Rabbi Amram. Lange blieb er stehen und sah ihr zu, ohne daß sie es zu merken schien. Die Anmut des jungen Weibes ergriff den Rabbi derart, daß er fühlte, wie sein Herz hiervon gereinigt und gestärkt wurde, als hätte es ein guter Wind durchlüftet. Seit er Lea am Flusse gesehen, wich der Friede nicht mehr von ihm, wie er auch ihre Anmut nicht mehr vergessen konnte. Die innere Stärkung verdankte er dieser Magd, und er hatte den Wunsch, 222

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