Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Vom Geist der jüdischen Legende
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 218 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Elias Hurwicz menhang zwischen Schuld und Sühne zu erhärten*). Aber eine analoge Gedankenverbindung wendet sie auch an, um Trost in der traurigen Gegenwart zu spenden und läßt an dem gleichen Tage, an dem der Tempel zerstört wurde, den künftigen Befreier der Juden das Licht der Welt erblicken. Will man sich den großen Farbenreichtum vergegenwärtigen, dessen die Legende fähig ist, so kann man ihn kaum besser als durch die Schilderung der den König Salomo — eine Figur, die die Volksphantasie ja überhaupt äußert lebhaft beschäftigte — umgebenden Pracht veranschaulichen. Der Thronsessel des Königs, so erzählt die Legende, war mit weiß, grün und rot schimmernden Edelsteinen übersät und von goldenen Löwen und Adlern umgeben. Auf den sechs Stufen des Throns standen sich gegenüber: ein goldener Löwe und ein goldener Ochse; ein Wolf und ein Lamm; ein Tiger und ein Zicklein; ein Bär und ein Hirsch; ein Adler und eine Taube; ein Falke und ein Singvogel. Zu Köpfen des Sessels stand eine Taube. In dieser Art geht es noch weiter. Aber diese ganze Schilderung, so scheint es uns, bedeutet nicht etwa ein reines Schwelgen im Materiellen und Gegenständlichen. Die Volksphantasie häuft dermaßen die Tiere an, weil Salomo nach der Überlieferung (vgl. I. Regum, V, 13) auch in die Geheimnisse der Tierwelt eingeweiht war. In der Anordnung der, sonst einander feindlichen, Tierpaare prägt sich ferner derselbe Friedensgedanke aus, der auch Jesaias (XI, 6) als symbolische Zukunftsvision beseelt. Hier aber ist dieser Gedanke durch die Macht des Königs über die Tiere bereits verwirklicht: wenn Salomo die Thronstufen hinaufgeht, so erzählt die Legende weiter, reicht der Löwe seine Pfote dem Ochsen, der Wolf dem Lamm, der Tiger dem Zicklein usw., und sie alle stützen den König. Zuletzt aber wird diese ganze Tierversammlung religiösen und sittlichen Zwecken dienstbar gemacht. Setzte sich nämlich der König, so brachte ihm die oben erwähnte Taube aus dem heiligen Schrein eine Thorarolle (um das Gebot Deuter. XVII, 19, der König der Juden solle sein Leben lang in der Thora lesen, zu erfüllen). Wenn ferner der König Gericht hielt und hierbei falsche Zeugen auftraten, so fingen der Löwe und der Tiger zu brüllen an, das Lamm zu blöken, der Falke zu schrein, der Singvogel zu zwitschern usw. — um die Zeugen einzuschüchtern und zur Wahrheit zurückzurufen . . . Ein stark phantastischer Zug kommt vollends in dem überraschenden Ende, das die Legende dem König nach all dieser Pracht bereitet, zutage. Obwohl die Königsgeschichte (I. Regum XI, 42/43) berichtet, daß Salomo nach einer vierzigjährigen (ununterbrochenen) Regierung starb, knüpft die Agada an die Worte des ja überhaupt pessimistischen Ekklesiastes *) Eine hübsche Parallele dazu in einer anderen Legende: Samsons Augen wurden ausgestochen, weil er sich von ihnen hatte verleiten lassen; Absalom blieb an seinen Haaren hängen, weil er auf sie zu stolz war. 218