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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 219

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Vom Geist der jüdischen Legende
Date
1934-08-01
Page
219 (sequence 5)
Language
German
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Vom Geist der jüdischen Legende (I, 3 und 12): „Was für einen Vorteil behält der Mensch nach all seiner Lebensmüh?" und „Ich, Koheleth, war ein König über Israel" an und läßt Salomo — zu einem Bettler werden, der von Haus zu Haus zieht. Das Merkwürdigste hierbei ist, daß diese Bettlerzeit des Königs eine in seine Regierungszeit eingeschobene Episode darstellt, während der Salomo gleichsam ein zweites Leben führt, worauf er dann wieder zur Regierung zurückkehrt. Aber auch hier geben nicht allein die Klagen des Ekklesiastes über die Vergänglichkeit aller Dinge den (im vorliegenden Fall äußeren) Grund zur Agada. Vielmehr lautet eine einschlägige Legende dahin, daß der König, der ja (Koheleth, II, 8) auch mit der Unterwelt in Verbindung stand, sich beim Tempelbau des Oberen aller Teufel, Asmodai, bediente (wie er dazu kam, wird in der abenteuerlichen Weise volkstümlicher Wundermärchen ausgemalt), und daß dieser, einmal von der Kette losgelassen, den König ins Elend stürzte. Es liegt also nahe, in jener legendären Schicksals Wandlung des Königs gleichsam das Urteil des Volkes über die Gefährlichkeit des Umgangs mit der Schattenwelt wahrzunehmen. Daß die Agada sich überhaupt auch die Schattenseiten im Charakter und Lebenswandel Salomos gegenwärtig hielt, zeigt jene reizende Legende, die erzählt, daß in derselben Stunde, als Salomo sich die Tochter Pharaos zur Frau nahm (was die Einführung des Götzenkultus am Hofe schließlich zur Folge hatte), der Erzengel Gabriel einen Stengel ins Meer versenkte, an dem Seegras zu wachsen begann und aus dem später eine große römische Stadt (vielleicht Rom selbst, die Geißel Judas) entstand . . . In dieser wunderbaren Antizipation zeigt sich wieder einmal sozusagen das historischeGedächtnis der Legende (oder vielmehr des sie schaffenden Volkes), das vergangene Ereignisse mit späteren, ja vielleicht mit der Gegenwart — denn es ist möglich, daß diese Legende eben unter der römischen Herrschaft entstand — verbindet, ein Zeichen für das Gefühl historischer Kontinuität, das auf dem Grunde religiösen Bewußtseins ruht. Unsere flüchtige Skizze der jüdischen Legende ist damit zu Ende. Allein sie läßt doch vielleicht den großen Reichtum an Gemüt, Glauben, Phantasie, kurz an irrationalen Kräften ahnen, die das gemeinhin als rationalistisch abgestempelte jüdische Volk in seinem Legendenschatz aufgespeichert hat. Gerade diese irrationalen Kräfte halfen dem Volke seine zumeist traurige historische Existenz ertragen und sie durch legendäre Erinnerungen an seine große Vergangenheit und seine großen Männer verklären. Es wäre zu wünschen, daß die Legende, die jahrhundertelang im Volke in Hunderten verschiedener Bücher verbreitet war, heute aber nur mehr zum Arbeitsfeld von Literaten und Gelehrten geworden ist, ihren Kreislauf vollende und wieder zum Volksbesitz werde. 219

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