Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Vom Geist der jüdischen Legende
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 217 (sequence 3)
- Language
- German
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Vom Geist der jüdischen Legende stellte die Legende auch den Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und der jeweiligen Gegenwart her. Denn die Phantasie ist nicht an die Chronologie gebunden. Sie verbindet, oft auf wunderbare und tiefsinnige Weise, weit auseinanderliegende Ereignisse. So läßt sie nach der ersten Tempelzerstörung vor den Allerhöchsten nacheinander die Erzväter Abraham, Isaak und Jaakob treten, um von Ihm Erbarmen für Sein Volk zu erflehen. „War ich nicht bereit gewesen, meinen Sohn Isaak, der damals im besten Alter von siebenunddreißig Jahren stand, auf Dein Geheiß zu opfern?", fragt ihn Abraham. — „War ich nicht im Begriff, mich freiwillig Dir aufzuopfern?" fragt Isaak. „Hast Du mich und meine Nachkommen nicht vor Esaus Hand gerettet?" fragt Jaakob. „Und nun sollen ihre eigenen Kindeskinder elend umkommen?" — „Habe ich nicht vierzig Jahre lang dem Volke wie ein treuer Hirte vorgestanden und in der Wüste mein Leben beschlossen, ohne das Land gesehen zu haben, in das Israel einziehen sollte? Und nun soll ich auch noch die Vertreibung des Volkes aus diesem Lande beweinen?", fragt Mose. Hierauf begibt er sich in Begleitung Jeremias zu den Flüssen Babels, um sich mit eigenen Augen von dem Elend der Verbannten zu überzeugen, kehrt zu den Erzvätern zurück, berichtet ihnen darüber, was er gesehen, und erneuert seine Klagen und Bitten vor dem Richterstuhl Gottes. Allein den Ausschlag geben nicht alle diese Männer, sondern eine Frau — Rahel. Sie „springt vor den Allerhöchsten" und sagt: „Dir, Herr der Welt, ist es ja bekannt, daß Jaakob, Dein Knecht, mich überaus stark liebte und um meinetwillen sieben Jahre bei meinem Vater abdiente. Als aber der Tag der Hochzeit kam, besann sich mein Vater eines anderen und gab ihm statt meiner meine Schwester zur Frau. Und dennoch bin ich, ein Mensch aus Fleisch und Blut, Asche und Sand, nicht eifersüchtig geworden gegen meine Schwester. Du aber, starker und barmherziger König, hast Dich wegen des nichtsnutzigen Götzendienstes ereifert und meine Söhne in die Fremde geschickt?" Hierauf, so schließt die Legende, hat sich Gott sogleich seines Volkes erbarmt und Rahel verkündet: „Um Deinetwillen, Rahel, werde ich Israel an seine Stätte zurückführen." Wir haben auch andere Beispiele einer imaginären, aber sinnigen Verbindung entlegener Zeiten und Orte durch die Agada. So läßt die Legende rückschauend die Grundsteinlegung von Hellas, des späteren Feindes des Judentums, an demselben Tage geschehen, an dem Jerowoam zwei goldene Kälber für den Götzendienst in Beth-El und in Dan errichtete. Ebenso wenn sie die Heerführer Nabukadonosors über die Art der Zerstörung des Tempels an der gleichen Stelle des Tempelberges beraten läßt, an der seinerzeit Salomo mit seinen Getreuen den Bauplan des Tempels beriet, — offenbar um auf diese plastische Weise den überaus engen Zusam- 217