Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Vom Geist der jüdischen Legende
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 216 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Elias Hurwicz Wir könnten diesen Gedanken aufnehmen und weiter ausspinnen: die Halacha ist „Brot" auch im Sinne der Alltäglichkeit. In einer berühmten Abhandlung „Halacha und Agada" (d. h. „Gesetz und Legende") hat zwar Ch. N. Bialik nachzuweisen versucht, daß auch den Gesetzesvorschriften ein Gefühlsmoment, ja sogar ein gewisses poetisches Element eigne. Dennoch bleibt der große Gegensatz zwischen diesen beiden Formen des geistigen Schaffens der Juden unverkennbar, und unser eindringlicher Geschichtsphilosoph Nachman Krochmal (1785—1840) hat sicherlich recht mit seiner Charakteristik, daß die Halacha auf das praktische Tun, die Legende dagegen auf die Erregung der Phantasie und des Gemüts abzielt. Anschaulich schildert Krochmal, wie an Sabbat- und Festtagen das Volk in Scharen, Männer, Frauen und Kinder, „galuth- und arbeitsmüde" vom flachen Lande und aus den Provinzstädten in die Zentren der Gelehrsamkeit zogen, um aus dem Munde der Gesetzeslehrer lebendige Wahrheit zu hören. Und teils um den Gesetzesvortrag zu würzen, teils um ihre Zuhörer unmittelbar zu packen und aufzurichten, haben die Volkslehrer zur Legende gegriffen. In diesem plastischen Bilde prägt sich nach allen Seiten hin der Zweck der Legende selbst aus: als Befreiung von den Fesseln des Alltags. In der Tat: die Schöpfer der Legenden — die teils aus dem Gelehrtenstande, teils aber wohl auch aus dem Volke selbst hervorgingen — durchbrachen mit ihr die Fesseln des Alltags in jedem Sinne, ja sie durchbrachen die Schranken der ganzen sichtbaren Welt und bevölkerten die unsichtbare mit Dämonen und Teufeln (dies mag manche Gesetzeslehrer von der Legende überhaupt abgestoßen haben), denen sie auf der anderen Seite die Schilderung des Paradieses, der Engel und der ganzen den Allerhöchsten umgebenden Pracht entgegensetzten. Zahlreich sind ferner die Legenden, die irgendeine sittliche Lehre durch eine mehr oder weniger phantastische Erzählung veranschaulichen. Aber den anziehendsten und charakteristischsten Teil des Legendenschatzes bilden doch jene, in denen die Phantasie gleichsam eine zweite, imaginäre Geschichtswelt neben der in offiziellen Büchern fixierten errichtet. Sie füllt in freiem Schaffen die Lücken dieser offiziellen Geschichte, malt z. B. die nur episodisch auftretenden Figuren vollständiger aus und trägt überhaupt in diese Geschichte neue Stoffe und Züge, Gedanken und Gefühle hinein. Sie verweilt naturgemäß mit besonderer Vorliebe bei den großen geschichtlichen Ereignissen wie der Stiftung der Thora, der Ausstattung des Tempels, seiner ersten und zweiten Zerstörung (ebenso wie, Jahrhunderte später, bei den Martyrien des Mittelalters), bei den großen Persönlichkeiten wie Moses und Josua, den Königen und Propheten, später bei Hillel, Jochanan ben Sakkai und anderen Gesetzeslehrern. Aber trotz diesem freien Walten der Phantasie, oder vielmehr gerade dank ihm, 216