Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Von der Dichtung des Juden
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 214 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Alfred Wolfenstein: Von der Dichtung des Juden hing bezeichnet hat, sondern auch in der Form des Werkes und in seinem Geist bis in die letzte Spitze innerer Gläubigkeit. Deutlich unterscheidet sich hier der Künstler vom Religionsstifter und vom Staatsmann. Der Sinn der Kunst deckt sich nicht mit der Welt der Zwecke, aber auch nicht mit dem Himmel der Frommen, so daß die Kunst, neben ihrem religiösen Gesicht, sogar das Aussehen einer Gegengöttlichkeit annehmen kann. Dieses Reich zwischen Himmel und Erde wird von seltsamen Engeln durchflogen, Boten ihrer eigenen Sendung, beflügelt von sich. Ob der Genius als Satan oder Michael, abgründig oder sonnenhaft wirken wird, in welchem Maße die Führung der Menschen durch ihn auf Wegen der Verführung vor sich gehen wird, das scheint nicht allein von seinem persönlichen Gut oder Böse abzuhängen; sondern seine Kunst, dieses Radium des Geistes, strahlt als Werk eigene Wirkungen aus. Er kann mit scheinbar höllischen Flammen erquicken, und wie er sich selbst von Verzweiflung und Untergang durch Gestaltung seiner Leiden erlösen kann, so rettet er auch die anderen. Diese gleichzeitige und fast gleiche Nähe zu sich selbst und zu den Anderen ist eine besondere Eigenschaft des Juden. Man kann das Bibelwort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" auch zum Motto der Künstler umwandeln: „Forme deinen Nächsten wie dich selbst." Der Künstler braucht die Welt, mit allen ihren Horizonten, mit allen ihren Freiheiten. So braucht sie auch der jüdische Dichter — und auf die Bedeutung der Freiheit für sein Werk will auch alles bisherGesagte hindeuten. Als der Jude das Ghetto verließ, trat er hinaus in ein überwältigendes Gebirge der Anderen, das doch von so vielen seiner eigenen Ströme durchflössen wurde. :Er mußte sich das Geschenk einer Zivilisation machen lassen, in der man ohne ihn das Pulver erfunden hatte. Immerhin war sein Geist an dem westöstlichen Glauben, der Europa beherrschte, von altersher beteiligt, und an der Wirtschaft hatte er schon aus seiner Verborgenheit überall mitgearbeitet. Nur Dichter war er nicht mehr gewesen, außer in wenigen Epochen in wenigen Ländern. Vor diesem Stand der Schöpfung und seiner eigenen Schaffenskraft mußte ihn zugleich Befangenheit und überschwängliche Bereitschaft erfassen. Und dieses einzige Jahrhundert, das seitdem verflossen ist, hat seine geteilte Haltung noch nicht wandeln können; heute erkennen wir ihr Ergebnis, während sich die Lawine des Schicksals über uns herabwälzt. Nebeneinander haben diese hundert Jahre gewaltige und problematische Werke und Taten der Juden erzeugt. Die Gesellschaft der Menschen grüßte ihn fremd, und er kann die Verlegenheit seiner Seele nicht durch das zuhauende Schwert auflösen. Statt dessen griff er zum Wort. Ihm fehlt in der Regel das Abenteurertum, das die Schultern schüttelnd einfach mit der vorliegenden Gegenwart anfängt. Die leibhaftige Unbekümmertheit des Condottiere kann eine Niederlage durch einen Sieg wettmachen: der Jude will auch 214