Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Von der Dichtung des Juden
Date
1934-08-01
Page
213 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895532-2904145--07303-2904191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von der Dichtung des Juden eignis eines solchen gemeinsamen inneren Echos bleibt unwillkürlich in uns haften und wird auf Umwegen immer wieder im Leben hervortreten. Mit idealem und vitalem Stachel wird es sein Teil dazu beitragen, daß das Ringen um die wirkliche Gemeinschaft der Menschen nicht aufhört. Mit dem sozialen Trieb und Bedürfnis des Juden, des jüdischen Dichters, steht seine ursprüngliche religiöse Natur im Einklang. Es ist kein Zufall, daß seine Heilige Schrift zugleich eine große Dichtung darstellt. Es ist kein Zufall, daß die Zahl der jüdischen Geister, die zu Märtyrern wurden, so bedeutend ist. Das Leben zu formen wie der Künstler, das Leben zu sterben wie der Märtyrer: dem geistigen Juden liegt beides näher als die cäsarische, hannibalische, napoleonische Führerschaft der nackten Tat. Der Märtyrer ist der leidende Führer, sein Tod vollendet und erleuchtet erst seine Wirksamkeit Der Dichter und der Märtyrer sind Blutsverwandte; der Tod ist die Dichtung des Märtyrers. Der Jude, der so innig am Leben hängt, aber als Volk so schwer zum Leben gelangen kann, gewinnt sich im Opfertode das größte Volk der Erde, die Menschheit. Daß er die Verwirklichung nicht selbst vollenden soll, erscheint wie ein mythisches Los: Moses, der auf seinen menschlichen Willen einmal mehr als auf den göttlichen gehört hat, muß vor dem Einzug ins Gelobte Land auf dem Gipfel sterben. Auch der große Künstler erlebt die wahre Wirkung seiner Arbeit nicht mehr ganz, doch immerhin viel von ihrer gemeinschaftbildenden Kraft. Er ist innerhalb seines Schaffens unabhängig, er ist der menschliche Schöpfer. Seine Schöpfung ist ganz für den Menschen bestimmt, und dies ist eine ausgesprochen jüdische Tendenz. Das Wort insbesondere, die Sprache, das Ausdrucksmittel der Kunst und zugleich des Lebens, stellt sich dem Juden als die stärkste Möglichkeit dar, aus der Einsamkeit heraus eine zusammenhängende Welt zu schaffen, welche besagt: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Der Jude ist in solchem Maße ein soziales Wesen, daß der jüdische Dichter, wenn er etwa auf eine wüste Insel verschlagen würde, mit der Gewißheit, daß seine Verse nie wieder zu Menschen gelangen könnten, seine Fruchtbarkeit bald einbüßen würde. Das „Ich singe wie der Vogel singt" ist nicht seine Stärke; seine Stärke liegt immer in der Verbindung mit dem Menschen, sofern sie nicht in der Verbindung mit Gott liegt. Es wäre allerdings ein banales Mißverständnis, dies so auszulegen, als schreibe er um des Publikums willen. Aber die Verbindung mit dem Empfangenden ist ein immanentes Element seiner Kunst und Kunstauffassung; der Quell will von vornherein in den Strom der Menschen einmünden. Am dunklen Ursprung des Gedichts wirkt schon die absichtslose Erleuchtung mit, daß andere auf der Erde sind, die es empfangen werden. Diese Tatsache kommt im ganzen Wesen des Kunstwerks zum Vorschein, nicht nur in der Stoff wähl, die man mit Recht bereits als eine ethische Hand- 213

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.