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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 215

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Von der Dichtung des Juden
Date
1934-08-01
Page
215 (sequence 8)
Language
German
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Elias Hurwicz / Vom Geist der judischen Legende „Zwei Männer" — so heißt es an einer Stelle im Jerusalem er Talmud — „sind in eine Stadt gezogen. Der eine besaß nur Goldbarren; der andere Münzen. Der eine kann nichts für seinen Lebensunterhalt ausgeben; der andere gibt aus und lebt." Auf wen zielt dieses Gleichnis ab? Der Talmud antwortet: „Der eine Mann ist (bloß) ein Gesetzeskundiger; der zweite — ein Legendenkundiger." Dieses Gleichnis (dem man auch noch andere Aussprüche an die Seite stellen könnte) ist höchst bemerkenswert: es zeugt davon, daß die Schöpfer der jüdischen Gesetze selbst die Unzulänglichkeit eines bloß im Kreise des Gesetzes sich bewegenden Lebens einsahen; mehr noch: daß sie einsahen, daß das jüdische Volk verdorren würde, würde es seinen Geist lediglich mit dem Studium und der Erfüllung der Gesetze nähren. Diese Erkenntnis wird einmal im Buche „Sifri" sogar auf den bekannten Ausspruch der Bibel (Deuteron. VIII, 3) gestützt, der Mensch könne nicht allein vom Brote leben; wobei unter „Brot" eben die Halacha, d.h. die Gesetzesvorschrift verstanden wird. (Schluß von Seite 214) sein altes Schicksal nicht lassen, es segnete ihn denn. Er will zugleich das neueste aller Schicksale haben, und wenn die bestehende Welt ihn nicht willkommen heißt, wird er sie zu verwandeln suchen, freilich nicht nach seinem Bilde, sondern nach dem, das er in seinem die Menschheit liebenden Herzen trägt. Wenn wir mit allem bisher über den Juden Gesagten vom jüdischen Dichter sprachen, so werden die angedeuteten Wesenszüge ihre besondere Bestätigung erhalten, wenn sie sich in der lyrischen Dichtung des Juden wiederfinden. Denn Lyrik ist die unmittelbarste Kunstform mit den Mitteln der Sprache, und wenn auch hier die Eigenschaften des jüdischen Menschen bis zur letzten Tendenz sich in Gestaltung ausdrücken, so ist damit der beste Beweis für ihre Existenz und Stärke erbracht. Die lyrische Dichtung wird immer die ursprünglichste aller Künste des Menschengeschlechts bleiben. Aus dem ersten Aufschrei, dem ersten Gebet hat sie ihre Entwicklung genommen. Sie ist auch heute noch der Aufschrei und das Gebet unter den Dichtungen. Das innerste Ich äußert sich in ihrem Klang; in der gelösten Stimmung des Lyrikers setzt sich das Wesen des Menschen in so nahe Beziehung zur Umwelt, daß Shelley sagen konnte, Landschaft sei ein Seelenzustand. Die Seele, der Charakter, der Wille des Juden ist am tiefsten aus seiner lyrischen Dichtung abzulesen. 215

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