Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Von der Dichtung des Juden
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 212 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wolfenstein zu vollbringen; das Schreiben hat ihnen manchmal nicht genügt und sie wollten die gleiche Phantasie wie auf dem Papier auch in der Realität beweisen: Byron, der eine Flotte zur Befreiung Griechenlands ausrüstet; Cervantes, der noch vor seinem Don Quijote an ein phantastisches Unternehmen zur Befreiung aller gefangenen Sklaven Afrikas geht; Shelley, der nicht weniger donquijotesk ein Mädchen heiratet, nur um sie aus der Tyrannei ihrer Familie zu befreien; Rimbaud, der mit achtzehn Jahren zu dichten aufhört, die Kunst für eine Dummheit erklärt, Arbeiter in der ganzen Welt und Karawanenführer durch die Wüste wird; Herwegh, der 1848 mit einem bewaffneten Arbeiterheer vorstößt; Walt Whitman, der Samariter im Sezessionskrieg: sie haben die Romantik ihres Poetentums in unmittelbare Aktivität umzuwandeln versucht, aus übervollem Herzen, aus übervoller Vorstellungskraft Doch es ist bezeichnend, daß unter ihnen kein Jude ist, denn jene wollten aus Dichtern zu Tätern werden, während der Jude das Dichtertum an die Stelle des Führertums setzt. Wenn sich in jenen Taten der Dichter der große menschliche Hang zur Gemeinschaft offenbart, so wird doch dieses immer wieder versinkende und neu zu gewinnende Ziel am besten auf klar geschiedenen Wegen erreicht. Gerade der Jude mit seinem reinlich kritischen Sinn muß dies erkennen. Doch seine Lage und Anlage macht ihm die Befolgung seiner Erkenntnis ausnehmend schwer. Zu seinem Unheil läßt sich der Jude allzu häufig auf die Zwischenstufen der Wirkung drängen. Mag die Kunst auch an der Veränderung der Welt für die Zukunft mitarbeiten, — sie hat es nicht nötig, so lange zu warten. Es ist ihr großes Glück und Geheimnis, daß sie auf der Stelle Gemeinschaft erzeugt. Die Zuschauer im Theater, die Zuhörer im Konzertsaal werden durch das Werk, das sie sehen und hören, zu einer wunderbaren Gesamtheit verschmolzen. Der Kampf ums Dasein weicht einer gemeinsamen Erlösung, die Zerrissenheit in tausend Gegensätze wird durch Brücken ohne Willkür aufgehoben. Aber auch der einsame Leser eines Buches oder der Betrachter eines Bildes wird auf dem Wege über die Gestalten des Romans oder selbst durch die in Farben ausgedrückte Empfindung ganz allgemein und schon in voller Gegenwart mit der Menschheit vereint. Der Jude muß diesem Wunder der Kunst, zumal der Dichtung und Musik, besonders nahe stehen. Denn er ist ein Fanatiker der Einheit, und er liebt es nicht, auf die Erfüllung seiner Träume zu warten. Die rasche Vereinigung, die durch die Kunst geschaffen wird, scheint zwar, wie Spötter bemerken könnten, schon auf der Straße vor dem Theater oder in der Konzertgarderobe wieder zu enden. Doch die Erinnerung nicht nur an die A-dur-Symphonie, auch an die symphonische Verbundenheit einer Menschenversammlung beweist uns die Übereinstimmung der Schläge unserer Herzen bei Beethovens Paukenschlägen. Das Er- 212