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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 211

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Von der Dichtung des Juden
Date
1934-08-01
Page
211 (sequence 4)
Language
German
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Von der Dichtung des Juden Traum und Wirklichkeit ineinander. Sonst aber stellen sich Führer wie Mendelssohn, Lassalle, Gambetta, Disraeli, Rathenau, soweit sie sich als Juden fühlen, eher als Dichter denn als Führer dar. Landauer dachte vielleicht an diesen Typ, als er davon sprach, daß es „Dichter im Lebendigen" gebe. Es konnten wohl Führer auftreten, die aus der Diaspora herausleiteten, Moses aus Ägypten, Esra aus Babylon, Herzl aus Europa heraus. Aber innerhalb der Diaspora taucht auffallend oft der Dichter an der Stelle des Führers auf. Wenn das im Innern und Äußern unsicher begründete Führertum die Gestalt des Künstlers annimmt, wird die Kunst einen Zuwachs erhalten, aber nicht immer das Leben. Es werden dann notwendige Grenzen und fruchtbare Spannungen verwischt. Ich meine, dies Element im jüdischen Dichter der letzten Zeiten, daß in seinem Schöpfertum auch ein Ersatz für das Führertum liegt, kann sich nach der dichterischen Seite sehr eigenartig und kraftvoll auswirken. Aber nach der politischen Seite bedeutet es einen Ausfall. Denn man darf nicht vergessen, daß auch der politische Dichter, den man seit Beginn der revolutionären Zeit so oft gefordert und gefördert hat, kein eigentlicher Führer sein kann. Die Kunst ist immer zu einem guten Teil Verführung. Die Gestalt, die sie einer Sache verleiht, der Reiz, den sie für ein Ziel sprechen läßt, der Umweg der Form, das alles ist hier der unvermeidliche und nicht zu durchkreuzende Weg zum Geheimnis wie zur Wirklichkeit Daß in der Kunst weder der gute Wille noch der ethische Gehalt noch die Stärke des Stoffes und der Tendenz entscheidet, sondern all das nur verbunden mit dem schöpferischen Zauber der künstlerischen Ausdrucksmittel, diese Tatsache macht den politischen Dichter zu einem Zwitterwesen, wenn er nicht voller Dichter ist. Politische Dichtung, die keine Kunst ist, richtet auch bei bester Gesinnung nur Schaden für die eigene Sache an. Politische Sprache nimmt ihre Form vom Zwecke her, sie muß Dinge und Massen so unmittelbar wie möglich in Bewegung setzen. Kunst dagegen gewinnt ihr Publikum nur, wenn sie scheinbar nicht fürs Publikum schreibt. Politiker, die in der Üppigkeit einer schönen oder im Funkeln einer zugespitzten Sprache schwelgen, oder Dichter, die ihrem Werke ein tendenziös praktisches Ziel setzen, werden sich bald wie die Schildbürger in ihren eigenen Beinen nicht mehr auskennen. Ein Werk ist kein Marsch. Es ist allerdings richtig, daß Kunstwerke gleich Taten wirken können. Wenn Figaro den Aristokraten zuruft: „Was habt ihr denn für die Welt gearbeitet? Ihr habt euch die Mühe gegeben, geboren zu werden, das ist alles!", so bereitet hier ein Lustspiel die Atmosphäre der Revolution vor. Büchners Woyzek oder Hauptmanns Weber oder Heines Weberlied werden immer wieder die Empörung der Armen und Erniedrigten als zündende Funken in die Menschheit werfen. Die Dichter haben sich ja auch gedrungen gefühlt, unmittelbare Taten 211

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