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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 210

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Von der Dichtung des Juden
Date
1934-08-01
Page
210 (sequence 3)
Language
German
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Alfred Wolfenstein zwischen der Wirkung seines Werkes und seiner persönlichen Behandlung immerhin als ein immanentes Schicksal des Künstlertums selbst empfinden. Wie aber soll der Jude, wenn er nicht Dichter ist, ganz allgemein ein so dichterisches Schicksal ertragen? Und wenn er Dichter ist, fühlt er dies allgemeine Schicksal seiner Gemeinschaft auf bittere Art verdoppelt. Jeder Tätige will sich mit seinem Werk auch eine Wirklichkeit schaffen, die Atmosphäre, in der er bei seiner Arbeit, nach seiner Arbeit atmen kann. Der Jude mußte dies auch in den verflossenen hundert Jahren seit seiner scheinbaren Befreiung noch allzusehr entbehren. Seine Leistungen wurden nicht zugleich seine Ehrungen, seine Erfolge führten nicht zur Macht, seine Hilfe errang ihm keine zusammenhängende Liebe, seine Schwungkraft kein Vaterland. Die Person des Juden bleibt bestenfalls übersehen, der Anklang, den er finden müßte, wendet sich anderen zu, als verhexe ihn E. T. A. Hoffmanns Klein-Zaches. Sein Gedanke geht seiner Seele verloren, die Wirkung, die Wirklichkeit selbst wird ihm fortgekauft wie dem Maler das Bild. Man findet dieses künstlerische Schicksal des Juden interessant; es ist in Wahrheit eine furchtbare Gefahr, bedrohlich für sein Leben und für die Lebendigkeit seines Schaffens. Gegen diese Verkürzung der vitalen Gemeinschaft mit der Menschheit erhebt sich der tiefste Protest des jüdischen Dichters. Der Jude ist von Natur ein soziales Wesen. Die Beschränkung, die Abschnürung steigert diesen Drang zum Sturm. Seine Sehnsucht, sich an sozialen Bewegungen zu beteiligen, schwingt von einer Gestalt wie etwa dem Fürsten Reubeni bis zu einer Persönlichkeit wie Disraeli aus, von phantastischem Anschluß an die christlichen Kreuzzüge bis zum Einfluß auf die Arbeiterbewegung. Wo der Jude innerhalb der Völkergrenzen nicht seine volle Heimat finden darf, wählt er sich, mit dem engsten Ghetto im Rücken, das weiteste Feld, die ganze Menschheit. Aber diese Erklärung soll nur die besondere Schärfe und Innigkeit des Tones deuten, der die soziale Musik des jüdischen Dichters durchzieht. In der Substanz des Juden war die Verbundenheit mit den Menschen schon immer, vor der Zerstreuung, in starken Keimen vorhanden. Wir müssen, zumal für unsere Zeit, den Umstand beachten, daß dieser soziale Drang den Juden infolge des angedeuteten Mangels an Wirklichkeit leichter zum Dichter als zum Führer macht. Das Natürliche wäre, daß aus seiner Volkskraft beide Berufe und Berufungen zwanglos hervortreten könnten. Aber die Berufsschichtung spielt sich hier nicht wie bei anderen Menschenarten ab. Unter anderen Verhältnissen würden Führer entstehen, während hier notgedrungen die Mittel des Dichters näher liegen und freier zu verwenden sind. Für das Schrifttum ist ein Publikum und ein Volk vorhanden, für die Tätigkeit in höheren Bezirken nicht. Bei Theodor Herzl zwar, der sich nur an sein Volk wandte, griffen 210

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