Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Von der Dichtung des Juden
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 209 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wolfenstein: Von der Dichtung des Juden Mittel der Kunst in den Dienst dieser jenseitigen und diesseitigen' Sehnsucht stellen? Sie erweitert sich ins Allgemeine, und von diesem persönlichen Schicksal bewegt, kreist die jüdische Dichtung mit Vorliebe um die Fragen und Ereignisse menschlicher Gemeinschaft. Tatsächlich hat das entgegengesetzte Element, das snobistische oder artistische oder auch rein ästhetische, bei den jüdischen Dichtern sehr wenig Vertreter gefunden. Man müßte das eigentlich bewundern, denn diese Verlockung hätte für die Geistigen eines zerstreuten Volkes recht nahe gelegen: sich in die Kunst an sich zurückzuziehen und in ihr einen abseitigen Trost und eine eigene Heimat zu sehen. Es hätte sogar die Gefahr bestanden, daß dieser als geschäftsmännisch verschriene Jude durch sein abenteuerliches Geschick ein absoluter Romantiker geworden wäre, daß er zwischen sich und dem „absoluten Poeten" eine übergroße Ähnlichkeit entdeckt und den Begriff Jude förmlich dem Begriff Dichter gleichgesetzt hätte. Denn sehen wir uns das Wesen und das Schicksal des Dichters an: er ist der unter die Völker Zerstreute, von einer gewissen Isoliertheit umwittert. Seine poetische Diaspora ist eine Tatsache, die nicht nur für den Weltschmerz zur Zeit Byrons gilt, sondern auch noch für unser realistisches Jahrhundert. Das Bewußtsein, unter Fremden zu wohnen, denen er sich doch liebevoll zugehörig fühlt, das doppelte Bewußtsein eines fernen und zugleich nahen Zion, nämlich einer idealen und einer realen Aufgabe, ist jedem Dichter bekannt. Die Menschen, auf die er wirkt, eignen sich sein Werk, seine Schrift an und übertragen sie in ihre Welt. Ihn selbst und seinesgleichen betrachten und behandeln sie mit weniger günstigen Empfindungen; der Dichter lebt stets in einer Art Ghetto, während sein Geist sich das weiteste Land schafft. Aber der Staat nimmt Besitz von diesem Lande, von diesem Werk, er verändert es, ordnet es seinen Einrichtungen ein. Sein Bestreben ist darauf gerichtet, daß die dichterische Schöpfung ohne Zeichen ihrer Herkunft, ohne Berücksichtigung ihres Urhebers möglichst unpersönlich mit seinen Institutionen und seiner alltäglichen Sprache verschmolzen wird. Man sträubt sich dagegen, diese Errungenschaften, deren Substanz man überall in Kultur und Zivilisation eingefügt findet, jenen Besessenen, die man Künstler nennt, Personen von so dunkler Beschaffenheit zuschreiben zu müssen. Sind sie tot und ruhig überblickbar, dann pilgert man gern, ja mit Verehrung zu ihrem heiligen Grabe. Auf die lebenden Dichter überträgt sich diese Begeisterung nicht. Ihre Leistung wird genommen, ihr Dasein abgelehnt, wie der Großinquisitor bei Dostojewski, der Verwalter des Werkes Jesu, diesen selbst erschrocken wegstößt, als er ihm lebendig begegnet. So ergeht es dem Dichter, — und so ergeht es dem Juden. Wenn es dem Dichter so ergeht, dann wird er diesen Unterschied 209