Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Von der Dichtung des Juden
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 208 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wolf enstein / Von der Dichtung desJuden In dieser kleinen Abhandlung über Judentum und Dichtertum soll die Beziehung zwischen den beiden Seiten des Themas in der Weise betrachtet werden, daß aus den Zusammenhängen und Gegensätzen zwischen ihnen ein neues Licht auf beide fällt. Es kommt hier darauf an, daß die Dichtung, die von Juden stammt, in ihrem künstlerischen Wesen, durch die Konfrontierung mit jüdischem Wesen, sich von einer neuen Seite darstelle und daß zugleich eine Charakterologie des Judentums aus seinem Schaffen, aus dem Geist seiner Schaffenden entstehe. Solche Gegenüberstellungen jüdischen Wesens und allgemein menschlichen Werks sind heute wohl notwendiger und aufschlußreicher als Untersuchungen absoluter Art. Vielleicht erscheint es ein wenig seltsam, in einer vollständig politisierten Zeit von Lyrik zu sprechen. Aber wie der Tod der großen lyrischen Gestalt Stefan Georges, dessen unsichtbares Leben doch wie eine sichtbare Herrschaft wirkte, uns in unerwartetem Maße ergriffen hat, so würde der Tod des Gedichtes überhaupt die betroffene Menschheit mit jäher Leere erschrecken. Freilich, der Sinn der Zeitgenossen ist auf Macht gestellt, und gibt es etwas Ohnmächtigeres als die lyrische Dichtung? Wenn man diese Frage ausspricht, so liegt darin nur eine scheinbare Bescheidenheit. In Wahrheit verbirgt sich dahinter die fast überhebliche Antwort: wer die Notwendigkeit des Gedichtes für unser Leben, wer seinen Einfluß auf unser Leben leugnet, der zweifelt an der Wirksamkeit und Schönheit des menschlichen Geistes an sich. Es ist sonderbar, daß auch die feiner Besaiteten in zynischer Selbstverleugnung manchmal begeistert zustimmen, wenn man die Kunst für eine Schwächung der Vitalität erklärt. Gerade die Dichter haben in Wahrheit das Leben nie vergessen, und der jüdische Dichter hat gesungen: „Es wächst auf Erden Brot genug / Für alle Menschenkinder!" Ein menschenwürdiges Dasein ist der richtige Boden für die Dichtung, und diesen Boden will sie selbst mitschaffen, es gehört zu ihrer Mission. Wenn dies soziale Element der Kunst, insbesondere der Wortkunst zu ihren wesentlichen Eigenschaften zählt, so ist damitschon eine enge Beziehung zwischen Judentum und Dichtung mit einem vollen Akkord angeschlagen. Der Jude sucht seit zweitausend Jahren (man könnte diese Zahl auch verdoppeln) Boden unter seinen Füßen und seine Dauer als Volk. Er sucht seine Heimat auf allen Wegen, mit allen Mitteln, — wie sollte er nicht auch das 208