Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Die Versuchung
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 180 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß eine Anstellung zu erkalten . . . Es liegen Ihnen nur zwei Wege vor. Lassen Sie mich über den ersten mit voller Offenheit reden. Sie sind frommer und strenggläubiger Anhänger des Gesetzes: gläubig jedoch mehr als Deutscher denn als Palästiner. Jesus von Nazareth und Paulus waren jüdisch fromm und streng, und gläubig wie wenige. Seitdem ist Ihr Volk, für welches das Gesetz gegeben wurde, als Nation untergegangen für immer. Ich sage für immer, weil es offenbar einen andern damit unvereinbaren Beruf erhalten, weil es den weltgeschichtlichen Beruf hat, in das japhetische Blut und Staatsleben priesterlich wirkend einzugehen. Wie es viel von Japhet empfangen, gibt es auch vieles in dieser Vermählung der beiden auserwählten Völker Gottes; ganz besonders bei den Hellenen und Deutschen. Sie stehen im Herzen gerade wie ich zur Überlieferung: auf dem weltgeschichtlichen Standpunkt. Der Unterschied ist, daß ich mit der Weltgeschichte gehe, Sie gegen den Strom. Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer. Der Verlust der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ist ein schwererer, weil hoffnungsloser. Sollten Sie nicht, von diesem Standpunkte aus, mit Jesus und seinen Jüngern und so vielen der Edelsten und Frömmsten Ihres Volkes, den alten Bund von neuem fortzusetzen den Beruf fühlen, wenn Sie sich ernst und mutig prüfen? Welche Bahn des Segens und des Ruhmes würde sich Ihrem reichbegabten Geiste öffnen, wenn Sie das Gesetz ins Evangelium, als die Weltreligion, erheben könnten!... Ich und meine Geistesgenossen suchen das Unsrige zu tun vom japhetischen Standpunkte aus: aber manches läßt sich nur vom semitischen vollkommen erreichen, und wer könnte das so wie Sie?... Sollten Sie nicht als Sohn Israels noch größerei Seligkeit in der Religion der Liebe und Menschlichkeit finden als ich, der heidnische Germane? Ick bin fest uberzeugt, daß, wenn Sie diese Seligkeit einmal geschmeckt, Sie ihrer nie vergessen können, ohne Ihr Bestes aufzugeben . . . Es wäre Ihrer unwürdig, wenn Sie zum Christentum übertreten wollten, weil sich Ihnen dann eine glänzende Aussicht auf Wirksamkeit und Ansehen und Wohlstand eröffnet: allein es wäre Ihrer auch nicht würdig, wenn Sie den Schritt nicht mit Ihrer tiefsten Seele auffassen wollten, weil Preußen Ihrem Stamme nicht das Lehramt in die Hände geben will, ohne daß er sich unserm angeschlossen hat . . . Sie kennen mich zu gut, als daß ich nötig hätte, ein Wort über die Beweggründe meiner Aufforderung zu sagen. Sie wissen, es können dies nicht Beweggründe der Klugheit sein, ebensowenig wie der Frömmelei. Sie wissen, daß sie es in der Tat auch nicht sind . . . Ich habe wenig Worte über die zweite Alternative zu sagen . . . Wenn Sie nickt diesen Schritt tun können, so müssen Sie sich durch England selbständig machen . . . Ich öffne Ihnen die Tür für Ihren Eintritt in England. Sie wissen außerdem, daß Sie Gast meines Hauses sind, als Jude wie als Christ . . . O geliebter Bernays, erwägen Sie es in Ihrem tiefen Herzen ohne Menschenrücksickt, und lassen Sie zum Schluß mich Ihnen sagen, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben! Bunsen 180