Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 179

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Die Versuchung
Date
1934-07-01
Page
179 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895531-2904062--07255-2904117
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Bertha Badt-Strauß: Die Versuchung preußische Gesandte in London, Christian Josias von Bunsen, sagt ihm nach einem inhaltsschweren Briefe, „daß er nie aufhören würde, ihn zu lieben". Dabei war Jacob Bernays, der Sohn des weitberühmten Chacham von Hamburg, im Gegensatze zu seinem Bruder Michael zeit seines Lebens ein strenggläubiger Jude, der täglich die Gebetriemen um Stirn und Arm legte und es als die Aufgabe seines Lebens betrachtete, die Forderungen der Bibel mit der griechisch-römischen Bildung zu vereinen. Kürzlich hat ein Brief-Büchlein, das Michael Frankel aus verstreuten Handschriften sorglich zusammentrug, das zu Unrecht verblaßte Bild dieses außerordentlichen Mannes von neuem aufleben lassen. Am aufschlußreichsten darin erscheinen uns nicht die zärtlich-jugendlichen Briefe an Heyse oder die in der Art einer verschollenen Zeit wissenschaftlich plaudernden Briefe an Fachgenossen; sondern das Kernstück des Bandes, dem wir größeren Umfang gewünscht hätten, bildet der Briefwechsel mit Josias von Bunsen, von dem schon oben die Rede war. Denn hier dürfen wir wirklich einmal ins Innerste zweier bedeutender und im eigentlichen Sinne menschlicher Menschen hineinschauen. Georg Bunsen, der in Bonn Bernays7 Studiengenosse war, hatte 1851 den Eltern seinen Freund zugeführt. Jacob Bernays war damals zwei Monate im Bunsenschen Hause in London, und seitdem einte den Vater Bunsen und den viel jüngeren Gelehrten eine Freundschaft, die bis zum Tode Bunsens währte. Von Anfang an bemüht sich der Gesandte, dessen weitblickende Persönlichkeit und große Herzensgüte wir schon aus Max Müllers und Rankes Veröffentlichungen kannten, dem jungen Freunde eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung an einer Universität zu verschaffen. Aber alle Bemühungen schlagen fehl; überall enthält die Antwort neben höchster Anerkennung der wissenschaftlichen und menschlichen Eigenschaften des Forschers den Hinweis auf die grundsätzliche Unmöglichkeit, einen Juden anzustellen. Und nun schreibt Bunsen an den jungen Freund einen Brief, der über den Einzelfall hinaus bedeutsam ist. Nicht mit Unrecht hat man ihn mit dem berühmten Zueignungsschreiben Lavaters an Moses Mendelssohn verglichen — nur daß Josias von Bunsen an Takt und Herzensbildung weit höher steht als Goethes altgewordener „Schwärmer" Lavater. „Von diesem Briefe weiß keines meiner Kinder, selbst Georg nicht: noch meine Frau", steht darüber. Und dann erzählt der Ältere dem jüngeren Freunde von seinen unermüdlichen Bemühungen: „Ich habe in Berlin unablässig Ihre Anstellung gefordert, erbeten, erbettelt. Ich habe hier mit dem Minister darüber gesprochen. Ich habe an Geheimrat Schulze geschrieben. Die Antwort ist entweder Stillschweigen oder Bedauern . . . Ich sage es Ihnen mit schwerem Herzen, allein ich bin es Ihnen schuldig: es ist keine Aussicht für Sie da, in Preußen 179

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.