Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Kleiner Emigrant
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 176 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Alice Stein-Landesmann Also mußte ein Ausweg gefunden werden. Die kleine Anzeige gab den Anstoß. Und nun saß Robert in London SW5, Earls Court Road 18. Schmale steile Treppen, Kohlenfeuer im Kamin, Nebelluft vor dem Fenster. Ein vertrockneter Zweig Mistletoe hing raschelnd von der Lampe herab . . . Robert — jetzt rief man ihn Bob — griff nach dem Kalender: „6. January 34, Saturday." Er lebte also fast sieben Monate im Ausland. Inzwischen war er dreizehn Jahre alt geworden, Weihnachten und Neujahr waren vorübergegangen, und noch immer fühlte er sich hier zu Besuch. Die Familie Stoughton war vom ersten Moment an voll freundlicher Nachsicht, die Söhne Percy und Davy gutmütige Jungen, die nicht einmal über sein mangelhaftes Englisch lachten. Percy half ihm sogar bei den Schulaufgaben. Im Sommer lag er mit ihnen in den Parks auf dem Rasen, im Herbst hatte er mit ihnen Fußball gespielt und auf der Themse rudern gelernt. Er besuchte den Tower und sah den Wechsel der Wache vor dem Buckingham-Palast am Sonntag Vormittag. Die Soldaten waren riesengroße schöne Gestalten und trugen hohe Pelzmützen, die Musik spielte, und es war wie aus einer alten Oper, die Robert einmal gesehen hatte. Sehr schön war alles, sehr großartig und sicherlich voller Traditionen, wie Mr. Stoughton ihm etwas herablassend erklärte. Vater schrieb jede Woche, Vater schickte Päckchen, Vater bangte sich gewiß und gab sich Mühe, es nicht merken zu lassen. Sogar Hanka —. Robert streckte zögernd die Hand nach dem Brief der Alten aus. Seit einer Stunde lag das blaue Kuvert auf dem Tisch. Robert kannte es; vor zwei Jahren hatte er Hanka mit einem kleinen Kasten Briefpapier beschenkt. Konnte Hanka überhaupt schreiben? Er wußte es nicht. Aber er fürchtete diesen Brief des alten Mädchens. Hanka würde die Wahrheit schreiben — das, was sich Robert seit Monaten nicht eingestehen wollte . . . Er ging zur Türe und riegelte ab — dann öffnete er den Umschlag. „Mein gutter Junge! Warum bisst Du forrt? Das kan ich nich einsehen. Komm nur wider. Das wirrd beser sein. Du warst doch ein deutscher Junge, hasst mirr immer vorrgelesen, das ging so gutt. Und der Herr is einsam, fui Teufel, so serr einsam. Abends nurr noch mit Bicher. Iberhaubt wozu Ausland? Mach deine Sache hir ordenlich, so wird man auch hir dich loben. Der Herr arbeitet auch, du siest, man läst ihn. Muss die alte dumme Hanka dirr sagen, was netig is? Gestern habe dein Freund Wichtman getroffen, hat mich angehalten, gegrinst, rot geworden. Was macht er? so hat er gefragt. Das soll heisen, wie get es dem liben Robert? Ich habe nich antwort gegeben, aber ein Blikk hat mirr vil veraten. 176