Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Kleiner Emigrant
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 175 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895531-2904061--07249-2904113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alice Stein-Landesmann: Kleiner Emigrant Es war acht Uhr, als Robert sich endlich entschloß, nach Hause zu gehen, — volle eindreiviertel Stunden hatte er sich in den Straßen herumgetrieben. Er war unfähig, dem Vater vor die Augen zu treten. Was ihn erfüllte, war Scham, unerträgliche, niederdrückende, vernichtende Scham. Wenn Wichmann recht hatte, war Roberts Leben zu Ende. Robert stieg zögernd die Treppen hinauf, er weinte jetzt nicht mehr . . . Man mußte dem Vater diese Schande ersparen. Bei diesem Gedanken hielt der Junge an, wie von einem Blitzstrahl getroffen: was für eine kindische Unlogik war es, zu glauben, daß Vater etwas erspart werden konnte! Vater hatte natürlich längst solche Kämpfe zu bestehen gehabt — er wußte, was in der Welt vor sich ging — nur er, Robert, hatte wieder einmal geträumt, immer nur Geige gespielt und niemals Zeitung gelesen. Er schlich sich in die Wohnung, Hanka brachte brummend das Abendbrot herein. Vater war in der Ärzteversammlung. Es würde spät werden, und Robert sollte zu Bett gehen. „Wirst Du, Robby?" Er gab keine Antwort, Hanka konnte man nichts erklären. Sie war ein altes polnisches Mädchen, sprach schlecht deutsch und lachte selten. Aber sie hatte Mutter aufopfernd gepflegt und war nicht fortzudenken aus dem kleinen Haushalt. Sie ging nie aus, sie kannte keine anderen Interessen als für den „Herrn" sorgen und den „Jungen" behüten. Wortlos ging Robert durch die Zimmer — in der Bibliothek machte er Halt. Die Wände bedeckt mit Büchern, ganze Riesenregale mit ärztlicher Fachwissenschaft; aber drüben standen die Klassiker, 40 Bände Goethe, die Jubiläumsausgabe, und dann die Erstausgabe, ganz kleine Bändchen, noch von Goethe selber redigiert, Vater hatte ihm das erklärt, und Robert teilte seinen Stolz auf diese abgegriffenen Bände. Streichelnd fuhr er über die Lederrücken. Plötzlich ließ er die Hände sinken — Wichmann fiel ihm ein. Er wurde blaß, stand wie ertappt bei etwas Verbotenem. Er war kein Deutscher — hatte keinen Teil an deutschen Leistungen, an deutschem geistigen Besitz. Das waren Wichmanns Worte gewesen. „Verflucht hart, Heymann!", hatte Wichmann gesagt. „Tut mir ehrlich leid. Bist ein anständiger Kerl gewesen." „Warum gewesen?" hatte Robert gefragt. Ein Achselzucken war die einzige Antwort. Am nächsten Morgen weigerte sich Robert, zur Schule zu gehen. Flehend umklammerte er den Hals des Vaters. Er war verängstigt und völlig außer sich. Dr. Heymann erreichte nicht viel in den nächsten Wochen. Zwar widmete er dem Jungen jede freie Stunde. Aber da war etwas zerbrochen worden, was nicht durch logische Widerlegungen zu heilen war. 175