Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Kleiner Emigrant
Date
1934-07-01
Page
174 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895531-2904061--07248-2904112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Alice Stein-Landesmann: Kleiner Emigrant „Deutscher jüdischer Knabe findet gute Aufnahme gegen geringe Vergütung bei gebildeter englischer Familie, gemeinsame Erziehung mit den Söhnen von zehn und zwölf Jahren." Robert überlas den zerknitterten Zeitungsausschnitt, wie er es fast täglich tat, seit er in London war. Dann legte er ihn sorgfältig in seine kleine Brieftasche zurück und begann die gleiche mühevolle Gedankenarbeit, wie so oft, wenn er allein in seinem Zimmer saß und angeblich Englisch lernte. Er wollte wissen, wie es angefangen hatte, den allerersten Grund sich klar machen, der dazu geführt harte, daß er jetzt in London lebte, während Vater noch immer in Berlin saß, allein mit der mürrischen, alten Hanka. Es begann mit dem Zank auf dem Schulweg. Wichmann wollte nicht mehr Marken mit ihm tauschen, Wichmann war überhaupt verändert, und das bedeutete, daß Roberts Glauben an die göttliche Gerechtigkeit ins Wanken kam. Denn Wichmann, Primus und der Stärkste in der Klasse, war für Robert nicht nur der Freund — er war sein Halt, sein Stolz und Ersatz für alles, was Robert entbehren mußte. Man konnte mit Wichmann über alles sprechen, sogar über den Tod der Mutter, und man konnte vor ihm flennen ohne Beschämung, denn Wichmann blieb ruhig und hörte zu und verstand auch, was man nicht sagte. Vater machte ein zugeschlossenes Gesicht, als er das von Wichmann hörte. Robert kannte diesen Ausdruck aus der Zeit von Mutters Krankheit her. Das bedeutete also, daß es ernst war. Ja, es war wohl auch ernst. Denn Wichmann sagte am nächsten Morgen, er wolle Robert um 6 Uhr treffen, nein — nicht in die Wohnung kommen, sondern treffen, und zwar vor Ritschels Kino, aber natürlich hineingehen, kommt gar nicht in Frage. Es handelt sich um eine Viertelstunde: „Eine Besprechung--Du hast mich verstanden, Heymann?" Robert verstand gar nichts. Aber er fühlte ahnungsvoll, daß es nichts Gutes sein würde, was Wichmann mit ihm zu verhandeln hatte. 174

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.