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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Der Garten des Sergeanten Dardar
Date
1934-07-01
Page
172 (sequence 5)
Language
German
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M. Y. Ben-Gaoriel um die Blume herum. Er tanzte bis zum Abend um dieses Etwas, das nicht lebloser Stein war, das imstande war, zu wachsen, sich zu verändern, und schlief, ohne zum Zelt zurückzugehen, ohne an Essen oder Trinken auch nur zu denken, bis zum aufgehenden Morgen auf dem Felsen neben der plötzlichen Gefährtin seiner Einsamkeit In der Frühe schleppte er sein Zelt hinauf und schlug es neben dem Felsblock auf, der die Distel deckte. Stundenlang saß er dann auf diesem Block und starrte in der grellen Sonne auf dieses Wüstenwunder herab. Alle die Liebesworte, die er seinem Kamel gegeben hatte, alle die niemals ausgesprochenen Worte, mit denen er oft seines Bruders gedachte, flössen von seinen Lippen über diesen unscheinbaren Korbblütler, während er aus abgebrannten Zündhölzern, aus zerschnittenen Konservenbüchsen, aus abgerissenen Streifen seines Hemdes und aus mühsam zusammengesuchten Steinchen mit großer Kunstfertigkeit eine richtige Gartenanlage, ein phantastisches Miniaturgärtchen mit einem Zaun um dieses merkwürdige Heiligtum aufbaute. Tagelange Arbeit, tagelange Konzentration auf eine Distel, und immer neue Lieder, geboren aus dem fremden Sprachschatz eines restlos Einsamen. Nissan wußte nichts mehr von der Welt, sie war irgendwohin versunken, geblieben war nur eine Distel. Nach vier Wochen, von denen die letzten drei der Distel geweiht waren, kam Leutnant Gray mit zwei Soldaten, die dem Sergeanten neuen Mundvorrat zu bringen hatten. Sie flüsterten ihm zu, der Leutnant werde ihn wahrscheinlich bald zurückrufen. In Dardars Gesicht rührte sich nichts; seine Augen waren bei der Distel. Der Leutnant ging ein paarmal um das Zelt, aber er sagte nichts, weil er bis zum Rand mit Wut gefüllt war. Diese Wut hatte nichts mit dem Sergeanten Dardar zu tun, sondern einzig und allein mit einem Brief, den er eben vor dem Abreiten bekommen hatte. Dieser Brief stammte aus Schottland, und zwar von dem Mädchen, das er im Herbst hatte heiraten wollen. In diesem Brief schrieb sie ihm einiges, das darauf hinauslief, sein Heimaturlaub im Herbst habe wenig Sinn, denn sie habe sich entschlossen, m Herrn Leutnant Gray mit einem Herrn Schiffsmaklerei-Direktor Brown zu vertauschen. Gray, ein etwas cholerischer Mensch, hatte während des ganzen Wegs sein Kamel geprügelt, um seine Wut loszuwerden. Es schien aber nicht genügt zu haben. Nun fiel plötzlich sein Blick auf die merkwürdige Gartenanlage des Unteroffiziers. Dieser verrückte, zwei Handteller große Unsinn ließ ihn vielleicht an irgendein Cottagegärtchen in Schottland denken, und ehe noch ein Hund nach einer Fliege hätte schnappen können, zertrat er mit einem Fluch die 172

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