Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 173 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Garten des Sergeanten Dardar Welt des Sergeanten Nissan Dardar aus den dagestanischen Bergen zu einem wüsten Durcheinander von Steinen, Blech und Hemdfetzen. Dann sprang er auf sein Kamel und raste wortlos, von seinen verdutzten Leuten gefolgt, ins Tal zurück. Man weiß nicht, was der Sergeant fühlte, als ihm seine Welt zusammenbrach. Meine Phantasie, ich gestehe es, ist nicht stark genug, um es mir vorzustellen. Aber man kann annehmen, daß dieser Brief eines Mädchens in Schottland, eines wahrscheinlich blonden und mageren Mädchens in Schottland, das sich von der Wüste keinen Begriff machen kann und wohl auch keine Ahnung hat, daß es irgendwo ein Dagestan gibt, mit Menschen, die anders denken als Mädchen in Schottland, daß dieser Brief, wollte ich sagen, und die darin dargestellte Privatangelegenheit, die nur sie, Gray und einen Herrn Brown anging, zur Folge hatte, daß der Sergeant sich mit Wasserschläuchen, Proviant und seinem Gewehr behängte und in die Ebene jenseits des Brunnens hinabstieg. Man kann ferner annehmen, daß ein paar Tage später in mondloser Nacht — es war, wie ich feststellte, an einem siebenundzwanzigsten August — eine starke Ghazuabteilung der Ruala das zerstörte Distelgärtchen passierte, und man weiß, daß diese Abteilung ins Tal hinablitt, den schlafenden Posten aushob und das Panzerauto demolierte (übrigens merkwürdig fachmännisch demolierte), und daß dem Leutnant Gray, als er vom Patrouillenritt nach Hause kam und nichts vorfand als eine brennende Baracke, nichts übrig blieb, als die Sache zu melden und bald darauf nach Schottland zu fahren. Man darf aber nicht glauben, daß diese Reise eine Urlaubsfahrt war. Nein, sie wurde natürlich nur zu dem naheliegenden Zweck unternommen, sich ins bürgerliche Erwerbsleben einzuordnen, da die Aussichten dieses Offiziers in der Armee nach der Geschichte von El Terbiyeh gleich Null waren. Von Nissan Dardar hat man nie wieder etwas gehört. Ich habe viele Menschen, Leute aus dem Grenzkorps, Leute, die im Hedjas und im Nedjd waren, gefragt, aber kein Mensch wußte etwas von ihm. Vielleicht lebt er irgendwo in einer unbekannten Wüste, oder er schlug sich wieder nach Dagestan durch, in die Berge seiner Jugend. Gleichviel. Seine weitere Geschichte — wenn er überhaupt noch lebt — ist sicherlich uninteressant, da die Abenteuerlichkeit seines Lebens nicht aus seelischer Veranlagung kam, sondern aus einem Schicksal, das wohl schon in jenem Augenblick besiegelt und beschlossen war, als sein Bruder tot vom Pferd herabglitt, und endgültig beendet in der Stunde von El Terbiyeh. 173