Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 171 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Garten des Sergeanten Dardar altes Brunnenloch mit salzigem Wasser, daneben ein Zelt, sein Gewehr, die Konserven, mit denen er einen Monat auszukommen hatte — das war alles, was sich dem Sergeanten von der gelben Eintönigkeit des Wüstengebirges abhob. Dardar nahm die Strafe auf sich. Er blickte schweigend den Reitern, die ihn hergebracht hatten, nach, blickte ihnen noch nach, als sie sich längst schon am Horizont verloren hatten, und plötzlich fiel ihm sein toter Bruder Baruch ein, jene Geschichte damals, als die Blonden drüben im Irak ihm das Gewehr weggenommen hatten. Leutnant Gray war auch einer von den Blonden, er hatte ihm nicht das Gewehr, sondern das Kamel weggenommen, immer nehmen Menschen einer dem andern etwas weg, dem Bruder hatte man das Leben weggenommen, ihm den Bruder ... ein Schrei, ein irrsinnig gellender Schrei der Wut brach aus seinem Mund über das Felsmeer und kam in scharf gellendem Echo zu ihm zurück, um wieder aufzusteigen, immer wieder — bis seine sinnlose Wut abebbte. Sieben Tage vollendeter Einsamkeit, sieben Tage fürchterlichster Gefangenschaft in vollendeter Freiheit ließen zuletzt diese immer wieder aufbrechende Wut verebben. Die Sonne säß ihm im Genick, saß ihm im Gesicht und die unvorstellbar große Einsamkeit, die selbst das Knarren seiner Stiefel echolos in sich saugte, saß in seinem Herzen, ein unbarmherzig bohrender Wurm, der nicht Nacht von Tag und nicht Morgen von Abend unterschied. Nach neun Tagen war Nissan am Rande des Wahnsinns. An diesem Tag nun machte er eine Entdeckung, die diesen Tag zum historischen Augenblick seines Lebens machte. Schwer atmend, mit offenem Mund und blöde glotzenden Augen strich er zum tausendsten Mal durch das Felsenfeld hinter seinem Zelt, als er plötzlich hinter einem Steinblock eine Distel, eine stahlgraue, nicht gerade sehr repräsentative, aber immerhin lebende Distel entdeckte. Er hielt mitten im Schritt an, in seinen Blick kroch etwas Leben, und dann kniete er, sich mit Händen und Wange an den Felsblock pressend, vorsichtig nieder. Er hielt den Fund für einen Traum, der, zart wie ein Traum, durch eine unvorsichtige Bewegung leicht zu vertreiben ist. Vorsichtig, mit größter Behutsamkeit den Oberkörper vorschiebend, streckte er die Hand mit ausgestreckten Fingern auf den Traum zu, um ihn, im letzten Augenblick schnell die Finger schließend, wie einen Schmetterling zu fangen. Es war kein Traum: hart drangen die Stachel der Distel in sein Fleisch ein und ließen den Schmerz, ein jähes Entzücken auslösend, über seinen ganzen Körper hinlaufen. Da sprang Nissan auf, schrie seine Überraschung in einem gellenden Schrei in die Wüste und raste in wildem Tanz 171