Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 170 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Y. Ben-Gavriel nur das allernotwendigste sprach. Da aber ein Mensch nicht leben kann — selbst ein Nissan nicht, dem man die Eltern und den Bruder weggeschossen und der Blutrache geübt hatte —, ohne Liebe zu schenken, so wandte Nissan das allmenschliche Bedürfnis, mit einem lebenden Wesen Zwiesprache zu pflegen, seinem Kamel zu. Er ließ es abseits der Herde der übrigen Reiter weiden, ging neben ihm, wie man neben einem Freund geht und brachte ihm täglich die Hälfte seiner nicht sehr üppigen Brotration. Wenn auf Patrouillenritten das Wasser knapp wurde, schüttete er, selbst halb krank vor Durst, seinen Schlauch vor das Kamel, für das er eine unendliche Reihe von Kosenamen hatte. Natürlich begann sich die Mannschaft des Postens bald über diese Kamelliebe ihres Sergeanten lustig zu machen, und als eines Tages der Leutnant auf die Idee kam, daß die Disziplin darunter leiden könnte, tat er, was er besser nicht hätte tun sollen: er schickte mit dem nächsten Kurier nicht den Sergeanten, sondern dessen Kamel zur Truppe zurück. Als Dardar, der als Beobachter mit dem Panzerauto ausgefahren war, es bei seiner Rückkunft erfuhr, bekam er einen Wutanfall; aus dem ruhigen Unteroffizier wurde wieder ein Dagestaner mit den primitiv starken Gefühlen der Bergleute. Er warf seinem Offizier ein Schimpfwort zu, das selbst einen an derartige Umgangsformen gewöhnten Fellachen hätte zum Messer greifen lassen. Nun, Mr. Gray war kein Fellache und griff daher auch nicht zum Messer. Da er aber sofort einsah, daß er eine verdammte Dummheit begangen hatte, wollte er die Sache nicht auf die Spitze, das heißt, nicht bis vors Kriegsgericht treiben, sondern beschloß, den Unteroffizier auf eigene Faust zu strafen. Er schickte ihn in die Berge, und damit das Kind einen Namen habe, bekam Dardar den Befehl, sich mit seinem Zelt an dem Punkt als Beobachter anzusiedeln, wo die einzige — in Wirklichkeit aber völlig außer Betracht stehende — Möglichkeit bestand, daß Beduinen ungesehen in den Talkessel zum Brunnen herabsteigen könnten. Ich kenne jene Gegend ein wenig. Als ich sie einmal vor Jahren durchfuhr, erschütterte mich ihre vollendete Einsamkeit derart, daß ich sie noch jetzt in Alpträumen schwerer Nächte als den Inbegriff eines grauenhaft hoffnungslosen Inferno erlebe. Niemals kommt ein Wanderer durch diese Gegend, kein Schakal, kein Fuchs durchstreift sie, kein Grashalm belebt ihr gelbes Gestein, ein Tag wächst in absoluter Ruhe in den andern hinein durch alle sinnlose Ewigkeit. Man muß die Nerven eines übermenschlich zähen Selbstmörders, eines Eremiten aus Leidenschaft haben, um dort nicht irrsinnig zu werden. Hier wird das abgebrauchte, längst inhaltslos gewordene Wort „Ausgesetzt in der Wüste" wieder zu ergreifend schwerer Wirklichkeit. Ein 170