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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 165

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Ende des Bürgertums?
Date
1934-07-01
Page
165 (sequence 5)
Language
German
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Ende des Bürgertums? schiedene Gruppen, sondern die gleichen, ja sogar die gleichen Menschen, in denen beide Gefühle nebeneinander bestehen. Die durchschaute, die beherrschte Technik ist ein lieber und gewohnter Freund, ihre unbekannten Gebiete erscheinen als komplizierte, gefährliche Hexerei. Muß eine ganze Generation erst Atem holen, ehe die Masse sich die unerhörte Bereicherung in der Beherrschung der Natur, die uns das 19. Jahrhundert brachte, auch innerlich zu eigen gemacht hat? Aus einer vorübergehenden Vereinfachung entspringt Selbstvertrauen und Mut, die danach streben, sich ins Leben wieder zurückzuwenden. Andererseits würde eine betonte Abwendung von den rein theoretischen Wissenschaften auch die praktischen bald verkümmern lassen; und hier läge, auf die Dauer gesehen, wohl die schwerste Gefahr substantieller, nicht nur struktureller Wandlungen. Im ganzen aber sehen wir die wichtigsten Grundlagen des bürgerlichen Lebens wohl erschüttert, aber doch noch nicht entscheidend in Frage gestellt: noch nirgends zeigen sich Menschen oder Formen, die nur außerhalb des Bürgerlichen — den Begriff, wie wir es getan haben, nicht in seiner eingeschränkten Zeitbedeutung, sondern allgemeiner verstanden — zu verstehen wären. Kommen könnten sie, soweit wir sehen, am ehesten aus neuen christlichen Zielsetzungen heraus: Kierkegaard z. B. ist kein Bürger mehr. II. Wo stehen innerhalb dieser — zunächst deutschen, aber doch weithin ausstrahlenden — Entwicklung die Juden? Ein selbstverständliches Mittun, eine Eingliederung in die neuen Gemeinschaftsformen ist ihnen versagt. Die organisatorischen Formen ihrer Gruppenexistenz sind, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten und Reibungen, geschaffen worden und beginnen sich zu bewähren. Über den menschlichen Inhalt jüdischen Lebens in Deutschland aber und über die Formen, in denen er sich ausleben könnte, ist es unmöglich, heute schon Bestimmendes zu sagen. Wir können ein paar äußere und innere Bedingungen solchen Lebens darstellen, können verwirrende, äußerliche Zielsetzungen abweisen, nicht mehr: unda fert nec regitur, — die Welle des Lebens trägt, leiten läßt sie sich nicht. Für das Judentum kompliziert sich die Herausbildung neuer Formen noch mehr als für unsere Umwelt. Sie sollten rasch vorhanden sein und wachsen doch langsam; sie sollten in lebendigem Austausch mit der Umweit entstehen und müssen doch von uns selbst geschaffen werden; sie sollten sich langen Zeiträumen ge- 165

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