Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Ende des Bürgertums?
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ende des Bürgertums? das unsicherste Element bedeutet. Und wie mit dem Besitz steht es mit der zweiten Säule bürgerlichen Lebens, mit der Bildung: sie gibt kein Privileg mehr, keine Gewähr für „standesgemäßen", kaum für den notdürftigsten selbständigen Unterhalt und wird so zur stumpfen Waffe, unnütz, ja sogar noch eine Last. Kein Wunder, wenn viele sie nicht nur wegwerfen, sondern ihren Wert überhaupt verachten. Die Zahl der entbürgerten Bürger wächst, mit ihr der Haß auf einen Lebensstil, von dem man sich ausgeschlossen weiß. So wäre also, da mit ihren äußeren auch ihre inneren Voraussetzungen schwinden, die bürgerliche Lebensform wirklich derart erschüttert, daß ihr Ende eingetreten oder nahe vorauszusehen wäre? Es wäre trotz allem voreilig, die Frage zu bejahen, obwohl Mut dazu gehört, sie zu verneinen. Sollten sich wirklich in den nächsten Jahrzehnten, wie Spengler glaubt voraussagen zu dürfen, riesige Massenbewegungen vertikaler oder horizontaler Natur vollziehen, so würde sich das machtpolitische Zentrum und damit auch der Schwerpunkt der Weltkultur wohl endgültig von Europa nach Ostasien verschieben. Aber aus dem Zustand einer Weltkrise wie des gegenwärtigen heraus zu prophezeien, ist eine mißliche Sache. Die übervölkerte Welt wird sich schwerlich ernähren und kleiden können ohne den ebenso schweren wie feinen Apparat, den wir Technik und Weltwirtschaft nennen, und wenn es sich herausstellen sollte, daß er immer noch leichter wieder in leidlichen Gang zu bringen als völlig zu zerschlagen ist, so werden zwar die Wunden an den Volkskörpern nicht verschwinden, aber zwischen gesunder neuer Haut langsam vernarben. Indessen sind schon jetzt neue Formen des geselligen Lebens entstanden, die zu dem hergebrachten „bürgerlichen" Stil in bewußtem Gegensatz stehen, ohne jedoch die Grenze dessen zu überschreiten, was man, ohne sich einer Begriffsverwirrung schuldig zu machen, noch bürgerlich nennen darf (es genügt, an den ausgeprägt proletarischen russischen Lebensstil zu erinnern, um sich des Gegensatzes bewußt zu werden). Diese Formen, unter denen die des Arbeitslagers charakteristisch ist, finden ebenfalls ihre Vorbilder in Gestaltungen der Jugendbewegung, haben aber das Gemeinschaftsmoment noch viel bewußter und kraftvoller entwickelt. Der Gedanke des totalen Staates prägt sich in einer Formung der Massen aus, die gleichzeitig auch den Formen ihr Gesicht gibt. Sie müssen einfach und verständlich, zugleich aber eindringlich und wirkungsvoll sein. Ihr Grundgedanke, der der Volksgemeinschaft, wirkt sich erzieherisch eben in einem neuen Gemeinschaftsgefühl aus; seine Ergänzung findet er in einer bestimmten Haltung der Persönlichkeit, für die der Typ des Kämpfers oder des Soldaten als Vorbild gilt (der Unterschied dieser beiden Formulierungen entspricht einer 163