Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Ende des Bürgertums?
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 162 (sequence 2)
- Language
- German
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Hans Bach Diese Einwände richten sich einmal gegen den „Betrieb": gegen den Wirtschaftsbetrieb, den Wissenschaftsbetrieb, den Bildungsbetrieb, überhaupt aber gegen das zu laute, zu wichtig genommene Großstadtleben im Gegensatz zu dem naturnäheren, organischen des Landes; zum zweiten gegen den damit zusammengehörigen Typ des Bürgers, dem, je nach dem Sichtwinkel, wieder der Bauer oder aber der Soldat entgegengesetzt wird. Diese stimmungsmäßigen Gegensätze sind nicht neu: im 19. Jh. hat die Burschenschaft — und auch sie konnte auf ein altes studentisches Erbe hinweisen — den „Philister" bekämpft, hat Heine seine Stachelverse, Schumann seine „Davidsbündler" gegen ihn gerichtet. Die Linie zieht sich über Fontanes „Frau Jenny Treibel", über Nietzsche und die Jugendbewegung bis zur Gegenwart hin; sie enthält schon den Gegensatz des jugendlich aktiven, taten- und abenteuerfrohen Geschlechts gegen ein älteres, seelisch erstarrtes und verfettetes, und es liegt in dessen Natur, die Rollen mit jeder neuen Generation wieder zu vertauschen. Aber auch die tieferen Einwände hat das 19. Jh. vorweggenommen. Fichte wetterte gegen die Degradierung des Staates zur „Bildungsfabrik", der spanische Staatstheoretiker Donoso Cortes nannte das Bürgertum „eine diskutierende Klasse", die nur einer letzten Entscheidung zwischen den „legitimen" Mächten der alten aristokratischen Kultur und des neuen anarchistischen Sozialismus im Wege stehe, und preußische Konservative wie Stahl sahen das ewige Schwanken des Bürgertums, das sich in selbstbewußter Auflehnung gegen äußerliche Autorität nach links, in der Angst für seinen Besitz nach rechts gezogen fühle. Immerhin ist nicht zu verkennen, daß die Angriffe heute um vieles schwerer und bitterer geworden sind. Es gibt kaum Erben mehr, die die Früchte väterlicher Arbeit gemächlich verzehren könnten, und mit dem Besitz selbst ging die richtige Lust am Besitz verloren, so daß zwar den Enterbten nicht die Gier danach, den noch Besitzenden aber die Freude des Genießens vergangen ist, das gute Gewissen, daß auch jeder andere es zu etwas bringen könne, wenn er nur nicht faul sei und die Hände rege. Vielleicht liegt darin der tiefste Grund für die Natursehnsucht des Großstädters, die über das Bedürfnis nach „Ausspannung" weit hinausreicht. Noch die letzte Generation fühlte dieses Bedürfnis durchaus nicht in diesem Maße: ein kleiner Garten, in guten Zeiten eine Sommerreise genügte ihr. Wer aber mit schönen Dingen auch das Streben nach dinglichem Besitz oder die Hoffnung, ihn je zu erlangen, aufgegeben hat, für den ist die Stadt bestenfalls noch der Arbeitsplatz, aber kein selbstverständlicher Rahmen, keine Heimat mehr: er kehrt zur Natur, zu einem vegetativen Dasein zurück, — ein entwurzelter Städter, aber durchaus kein Bauer, für den die Natur kein paradiesisches Genießen, sondern harte Arbeit gegen 162