Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Jüdischer Adel?
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 160 (sequence 5)
- Language
- German
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Hans Rosenfeld: Jüdischer Adel? Ewigen, den Kern der jüdischen Religion bildet. Dieser jüdische Individualismus tritt jedoch in einen unlösbar erscheinenden Widerstreit mit einem anderen Grundzuge jüdischer Lehre und jüdischen Lebens, der Auffassung von der Gleichheit aller Menschen vor Gott, aus welcher das Gebot der Nächstenliebe unmittelbar hervorgeht. Auch hier deutet schon die Sprache, die den Mitmenschen zum Nächsten macht, an, daß diese Liebesgesinnung dem Haltungsideal des Adligen, das auf richtige Distanzierung geht, in gewissem Sinne entgegensteht, daß sie vielmehr alle Distanz zu überbrücken, wenn nicht gar auszulöschen trachtet. Hier liegen große Gefahren jüdischer Entartung, denen das moderne Judentum weitgehend unterlegen ist. Die Unfähigkeit, „Distanz" zu halten, die mangelnde Geneigtheit, Rangstufen unter den Menschen anzuerkennen und sich der durch sie bedingten Ordnung zu fügen, die plumpe gleichmachende Vertraulichkeit, die den Verkehr von Juden untereinander belastet, sind die dunklen Schattenseiten des hellen Lichts, das uns vorausstrahlt. Haltungsmängel verzeiht die Welt viel weniger als Gesinnungsfehler, und das mit Recht, denn ihre irdische Ordnung beruht nicht zum geringsten Teile auf der Wahrung richtiger Distanz. Am Ende ist es nur eine Frage des Akzents, die Richtiges von Falschem scheidet, und eine verhältnismäßig geringfügige Verlagerung des Schwergewichts mag uns Menschen, die wir alle auf einem messerscharfen Grat wandeln, in den Abgrund des Irrtums und der Schuld, ja der Vernichtung reißen. Hier freilich scheint die Aufgabe, die uns Juden erwächst, bei denen fast in allen Dingen das Vorzeichen gerade umgekehrt lautet wie bei den anderen Völkern, gleichfalls umgekehrt gelagert zu sein. Möchte man diesen, die allenthalben in starrer gepanzerter Haltung verharren, einen guten Schuß distanz-vernichtender Nächstenliebe wünschen, so scheint uns Juden eine entschiedene und bewußte Hinwendung zu den Idealen ritterlicher Vornehmheit dringend not zu tun. Die Aufgabe, die uns hier gestellt ist, berührt sich mit den Problemen, die auch sonst das moderne Dasein durchziehen. Überall treffen wir auf Tendenzen, die die jüdisch-christliche Wertordnung des „gut" und „böse" durch eine Haltung des H eroismus ersetzen wollen. Wenn dieses nicht im groben Sinne physischen Kampfes verstanden wird, so ist es nichts anderes als die antike xaXoxcqafria und nichts anderes als die adlige Haltung, die wir meinen, die edle Gesinnung mit Wirklichkeitssinn, Liebe mit Kraft und Tapferkeit verbindet. Die vordringlichste Aufgabe ist und bleibt die Wahrung der überkommenen Kulturgüter, die Sorge, daß die Kontinuität dieser Kultur nicht abreißt, die Heranbildung von Menschen, die als „Elite" dem Massenmenschen entgegenwirken und die geeignete Medien der Fortführung dieses Kulturprozesses sind. 160