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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 159

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Jüdischer Adel?
Date
1934-07-01
Page
159 (sequence 4)
Language
German
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Jüdischer Adel? seiner persönlichen Ehre her. Dieses egozentrische Wesen unterscheidet sich freilich dadurch scharf vom platten Egoismus, daß es sich selbst stets als Medium höherer Verpflichtungen betrachtet, wie denn das Wort „noblesse oblige" mit unübertrefflicher Prägnanz und Kürze den innersten Kern adliger Gesinnung wiedergibt. Jeder Adlige ist daher extremer Individualist, woraus erhellt, daß der Individualismus auf eine allgemeine menschliche Haltung hindeutet, die sich durch alle Zeiten zieht und den Wechsel der Weltanschauungen und Verfassungen überdauert. Die völlig falsche polare Entgegensetzung von Individualismus und Sozialismus gehört zu den verhängnisvollsten Schlagworten der Gegenwart. Individualismus und Sozialismus haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Ersterer denkt auf die T i e f e n projektion, letzterer geht in die Breite. Individualismus trachtet nach Wert, der allein aus der senkrecht durch die Einzelseele gehenden Tiefenlotung zum Ungreifbaren, Irrationalen hin zu gewinnen ist; Sozialismus ist kein Wertmaßstab, sondern eine Organisationsmethode der menschlichen Gesellschaft, die durchaus nach rationalen Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit zu beurteilen ist. Der extremste Individualist kann überzeugter Sozialist, und jeder Sozialist kann gleichermaßen Herdenmensch wie Aristokrat sein. Ein weiteres Kennzeichen adliger Gesinnung ist demütiger Stolz, der sich des eigenen Wertes durchaus bewußt ist, sowie eine sorgsame Distanzierung gegenüber dem Nächsten, insbesondere dem Minderwertigeren. Eine natürliche Überlegenheit läßt den Adligen als berufenen Herrn erscheinen, der dieses Amt ohne Überheblichkeit als ihm gebührend auf sich nimmt, die natürlichen Abstufungen der Menschheit und ihre Ordnung ruhig und selbstverständlich bejahend. Er ist gleich bereit zu gehorchen wie zu befehlen; aller Neid ist ihm fremd; er ist mutig und friedfertig, gütig ohne Sentimentalität, fromm ohne Engherzigkeit, zurückhaltend ohne Steifheit. Die Züge ließen sich häufen, um das Bild des edlen Menschen zu vervollständigen, doch mag diese Umrißzeichnung genügen. Sie läßt unschwer erkennen, daß im Judentum manche Wesenszüge vorhanden sind, die diesem Bilde entsprechen, daß Vieles aber einer Adelsbildung gerade innerhalb des Judentums entgegensteht. Was uns zunächst von Bedeutung erscheint, ist das Prinzip des Individualismus, als dessen Träger wir Juden uns vornehmlich aufzufassen haben. Wir sind allzu leicht geneigt, an dieser Bestimmung irre zu werden und in den Chor der Schlagworte einzustimmen, der uns umbraust. Wir können aber aus unserer Haut nicht heraus, und all unser Wert steht und fällt mit dem Glauben an die Einzelpersönlichkeit als verantwortlichen Träger sittlicher Werte. Es ist oft ausgesprochen worden, daß das Stehen des Einzelnen vor Gott, seine allerpersönlichste Beziehung zum 159

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