Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Jüdischer Adel?
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 158 (sequence 3)
- Language
- German
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Hans Rosenfeld Wir Juden waren bisher von dem geschichtlichen Prozeß der Adelsbildung ausgeschlossen. Seit dem frühen Mittelalter, in welches diese Entwicklung zurückreicht, sind wir nur Objekte des höfischen und ständischen Lebens gewesen. Die Abkapselung des Ghettos machte vollends die Bildung eines erklärten jüdischen Adelsstandes unmöglich. Zwar gibt es im jüdischen Leben ganze Rabbinerdynastien, und Einzelne sowie Familien und Stämme ragten häufig genug hervor, doch kann kaum davon gesprochen werden, daß diese hinreichenden Einfluß erlangten, um der ganzen Judenheit ein Gesinnungs- und Haltungsideal vorzuleben, nach welchem diese sich als Gesamtheit orientiert hätte. Seit der Emanzipation haben sich eine ganze Reihe jüdischer Familien mit einer über ein Jahrhundert alten Tradition gebildet, denen eine durchaus aristokratische Haltung nicht abgesprochen werden kann. Die Ideale, die diese Kreise pflegten, sind und waren jedoch durchaus die Ideale der vornehmen europäischen Gesellschaft und mit dieser zum Verfall verurteilt. Gleichwohl finden sich, wenn irgendwo so hier, Überlieferungen alter Kultur und Tradition, die sorgfältig zu pflegen und am allerehesten bestimmt sein werden, Ansatzpunkte einer neuen Adelsbildung zu sen. Vergegenwärtigen wir uns, ehe wir die Rolle betrachten, die das Geschick uns Juden hierbei zugewiesen haben mag, die Merkmale, an welchen wir den Menschen von Adel erkennen. Das Wort kommt von edel, der Adelsmann ist der Edelmann. Diese sprachliche Besinnung verweist uns unwillkürlich auf das Wertepaar „edel" und „gemein", das uns durch Nietzsches Philosophie geläufig ist, und das dieser in so entschiedenen Gegensatz zu den Begriffen „gut" und „böse" stellt. Gehören diese dem Bereich ethischer Gesinnung an, so deutet jenes auf ein Ideal menschlicher Haltung, das sittliche Gesinnung zwar voraussetzt und einschließt, mit seinen Forderungen jedoch über diese hinausgeht. Nicht umsonst scheint uns die Weisheit der Sprache das gleiche Wort zu verwenden, um das Gemeine und das Allgemeine zu bezeichnen, ja auch im höheren Begriffe der Gemeinschaft die allzu schmale Grenze anzudeuten, die diese vor dem Absinken in flache Niederungen schützt. Der Edle ist dem Gemeinen wie dem Allgemeinen von Hause aus abhold; es bedarf zumeist von seiner Seite besonderer Gewöhnung und Anstrengung, um ihn in die Gemeinschaft zu stellen. Aller echte Adel ist durchaus exklusiv, freilich ohne je in Dünkel zu verfallen, der eine Eigenschaft des gemeinen Menschen ist. Diese Exklusivität quillt vielmehr aus einem Gefühle der Einzigkeit, Unersetzbarkeit und Unvertauschbarkeit der eigenen Persönlichkeit, das jedem Adligen eignet und ihn eben von dem „genormten", beliebig auswechselbaren Mitglied der Masse unterscheidet. Der adlige Mensch nimmt sich selbst durchaus wichtig und ernst; er leitet aus dieser Grundempfindung das Gefühl 158