Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Blick auf das Tragische
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 153 (sequence 2)
- Language
- German
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Hermann Sinskeimer: Blick auf das Tragische gends, weder im Weltlichen noch im Geistigen (Reformation und Humanismus), war damals Platz für Pessimismus. Das Hochgefühl im Nationalen und das Hochgefühl des Individuums blühten und wuchsen so mächtig auf, daß die Krone des Lebensbaums über den Rand des diesseitigen Lebensraums hinüberragte. Alles Heldische braucht den tragischen Raum, alles Heldische schließt aber auch das Pessimistische aus. Dieses flieht — siehe Shakespeare — zu den Narren oder zu jenem Prinzen, der ein Held und ein Narr zugleich ist, zu Hamlet. Man darf — nach alledem — wohl sagen, daß das Tragische, die tragische Anschauung und Gestimmtheit einerseits eine bis zur heroischen Höhe gediehene Sättigung mit Willen, Kraft und Erfolg zur Voraussetzung hat und andererseits die dadurch erregte Sucht oder Sehnsucht nach den Übersteigerungen des menschlichen Daseins bis zur Jenseitigkeit. Ein Held, so heldisch, daß er an sich oder der Umwelt zerbricht, ist der tragische Held. Er sieht und strebt, von pessimistischer Stimmung nicht angekränkelt, über die Welt und über sich selbst hinaus, er sieht und strebt aus den diesseitigen Räumen in die jenseitige Raumlosigkeit. Indem er untergeht, geht er in die Verklärung ein. Unverkennbar ist mit dem Begriff und der Form des Tragischen eine ästhetische Deutung des Menschen und seines Lebens verbunden, unverkennbar ist in ihr jene von Nietzsche einmal als eine Quelle der Kunst bezeichnete „Verfeinerung der Grausamkeit" enthalten. Das Judentum aber kennt, was sein deutlicher Gegensatz zum Hellenentum von Anbeginn war, nur eine ausschließliche moralische Deutung des Lebens, und dies in so hohem und tiefem Sinn, daß die Deutung sich nirgends und nie mit bloßem Moralisieren begnügt, sondern überall und immer nach der ethischen Norm strebt: nach dem „Gesetz". Es „setzt" den Zwischenraum, die Brücke zwischen Menschen und Gott wie eine ewig unverrückbare ethische Montage. Es kann also keine Vergottung des Menschen und keine Vermenschlichung Gottes zulassen. Gott hat das Gesetz gegeben, der Mensch hat es genommen. Darüber hinweg gibt es keine Vermischung und keine Verwischung. Wie groß Gott ist, so klein ist der Mensch. Gott ist so groß, daß er nicht dargestellt werden kann; der Mensch ist so klein, daß ihn darzustellen nicht lohnt. In der Unzweideutigkeit dieser Scheidung, dieses geistigen Bildes ist die vorgeschriebene Bildlosigkeit des jüdischen Gottesdienstes begründet. Darin aber liegt auch der Grund für die untragische Weltauffassung des jüdischen Glaubens und aller jüdischen Kultur. Dieser Glaube und diese Kultur verbinden mit einer tiefen Skepsis gegenüber aller menschlichen Macht und Größe eine ebenso tiefe Sehnsucht, die Allmacht und Allgröße Gottes zu schauen und in 153