Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Blick auf das Tragische
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 154 (sequence 3)
- Language
- German
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Hermann Sinsheimer sich zu erleben. Hier darf man wieder Nietzsche zitieren: „Wenn Skepsis und Sehnsucht sich begatten, entsteht die Mystik." Dieser mehr psychologisch als philosophisch und ästhetisch stimmende Satz kann immerhin das Entstehen der jüdischen Mystik beleuchten und zu einem Teil wenigstens erklären. Soweit Mystik nämlich nicht einem Urtrieb der menschlichen Seele, und zumal der Seele mit jüdischer Erziehung und Erfahrung, und somit auch einem urtümlichen Bedürfnis entspricht und entspringt, insoweit haben in der Tat die elementare jüdische Skepsis gegenüber dem Menschenschicksal und die ruhelose, grenzenlose Sehnsucht nach dem Verständnis des göttlichen Waltens die mystischen Strömungen im Judentum entscheidend geschaffen und ihren Sinn wie ihre Form beeinflußt. Man kann daher mit einigem Recht die jüdische Mystik den Ersatz für die jüdische Tragödie nennen. Die Werke der jüdischen Mystik haben fast immer den einen Sinn: wie groß ist Gott, wie klein der Mensch! Anders gewendet: Gottes Größe und des Menschen Winzigkeit ergeben zusammen das tröstliche Weltbild. Oder: Gottes Verklärung (nicht Erklärung) und des Menschen Entselbstung schaffen die wiederum tröstliche Nähe zwischen Gott und Mensch. In diesem Denkbereich gibt es keinen Weg zu Gott hin, sondern nur von Gort her, und also auch nicht das Tragische. Je größer der mystische Gedanke oder Mensch aufwächst, desto kleiner sind beide vor Gott. Das Unabmeßbare des Unterschieds ist das Entscheidende. Wohingegen bei der Tragödie entscheidet: der Versuch, diesen Unterschied aufzuheben. Greift man, die Mystik beiseite gelassen, auf die Bibel und das biblische Judentum zurück, so tritt uns an ungezählten Stellen der untragische Pessimismus in Bezug auf das menschliche Dasein entgegen, ein förmlich objektiver Pessimismus, der aber gerade dadurch, daß er das Göttliche nicht anrührt, geschweige denn angreift, wesenverschieden bleibt von dem Pessimismus der außerjüdischen Welt, etwa gar dem Pessimismus Schopenhauerscher Observanz. Der Pessimismus der Bibel, so des Buches Hiob oder mancher Propheten, unterstellt sich der Unbegreiflichkeit des göttlichen Waltens. Es ist ein Pessimismus auf der Basis der menschlichen Demut, es ist ein knieender Pessimismus, also nirgends in der Gefahr, im Nihilismus zu enden. Er gipfelt in der Klage über das Leid und in der Selbstanklage wegen der Sünde, und kommt so und nur so in die Hörweite Gottes. Es ist also ein „produktiver" Pessimismus. Dieser aber, scheint mir, ist in allen nachbiblischen Zeiten bis auf den heutigen Tag der Begleiter des Judentums geblieben. Das jüdische Reich zerbrach, der jüdische Tempel zerbrach — die Fremde hat um das jüdische Volk seinen grauen Mantel geschlagen. Es hat an vielen Stätten wieder Heimat und damit auch immer wieder zu sich zurück gefunden. Aber die zweite Tempelzerstörung 154