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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 152

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Blick auf das Tragische
Date
1934-07-01
Page
152 (sequence 1)
Language
German
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Hermann Sinsheimer: Blick auf das Tragische Die tragische und die pessimistische Weltanschauung sind zwei gedankliche Räume, die nicht im mindesten identisch sind und sich sogar sehr wenig gleichen — so wenig, daß man fast sagen kann: sie gleichen sich überhaupt nicht Dafür aber stehen sie, entwicklungsmäßig betrachtet, in einer wurzelhaften Verbindung miteinander — dann aber gewiß so, daß die gleiche Wurzel, aus der der Baum des Tragischen erwachsen ist, das Pessimistische wie ein Unkraut aus sich heraustreibt, wenn sie jenen Baum zu ernähren nicht mehr stark genug ist. Das Pessimistische also ist nicht etwa der Ermattungszustand des Tragischen, sondern eine Art von Ersatz für das Tragische. Es ist sein Nachkömmling, nicht sein A b kömmling. Das Tragische umgreift eine metaphysische, das Pessimistische eine physische Anschauung vom Dasein. Jenes bricht die Tür ins Jenseits auf, dieses schlägt sie zu. Beide Anschauungen stehen sich gegenüber wie etwas Unendliches und etwas Endliches. Die Geschichte zeigt, daß die Völker in ihren glückhaftesten Zeiten die Kunstform der Tragödie geboren haben. Das tragische Drama der Antike hat sich um die perikleische Zeit herum angesiedelt. Es erschien nach den Siegen über die Perser. Der Überwinder weltlicher Widerstände steigt in seinen Einsichten und Ahnungen vom Heldischen so hoch, daß er einen Blick in das Überweltliche tut — so wird er des Tragischen inne. Athen hat die Verbindung des nationalen Aufschwungs mit dem Aufschwung zur tragischen Anschauung und Form vorbildlich belegt: Aeschylos hat die Schlachten bei Marathon und Salamis als Kombattant mitgemacht; Sophokles war unter den Jünglingen, die den Siegesreigen nach Salamis tanzten, und Euripides wurde im gleichen Jahre geboren. Das Tor war aufgetan — die Tragödie leuchtete oder schattete über das siegreiche und stolze Volk der Athener herein. Zugleich aber wurde sichtbar, gleich nachher trat durch das Tor: der Pessimist, der Satiriker — Aristophanes! Als Träger und Bekämpfer der nationalen Ermattung. Die Philosophen schauen zu: Sokrates und Plato. Ein wahrhaft beispielhaftes Säkulum. Als Shakespeare seine Tragödien schrieb, stand — wiederum! — das elisabethanische Reich in Glanz und Herrlichkeit da. Nir- 152

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