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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 131

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Der Knabe Henoch
Date
1934-06-01
Page
131 (sequence 5)
Language
German
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Der Knabe Henock kommene persönliche Annehmlichkeit vor Gott und den Menschen gewährleistete und gegen alle bösen Anschläge sicherstellte. Durch den Diebstahl vom Baume jedoch war Adam des Buches verlustig gegangen. Denn die Genäschigkeit hatte seine ursprüngliche Weisheit nicht nur nicht vermehrt, sondern sie sogar bis zur Dummheit herabgesetzt, und der Ausdruck dieser Verdummung eben war der Verlust des Buches gewesen. Vordem nämlich hatte Adam beides besessen: Träume und Witz, das ist zusammen die Weisheit. Nachdem er aber vom Apfel gegessen, hatte er nur noch Witz, allenfalls in erhöhtem Grade, aber von Träumen nichts mehr, und sein Wissen war hin. Es tröstete ihn jedoch der Bote Raziel: Das Buch sei in einer goldenen Truhe, zusammen mit Spezereien, verschlossen und in einer Höhle aufbewahrt, und wer unter Adams Kindern reinen Fleisches und sanften Gemütes sein werde, der werde es finden und wieder sowohl Träume als Witz, nämlich Weisheit besitzen. Ein solches Adamskind war Henoch gewesen. Er hatte die Schrift gefunden; über Seth, Enos und Mehalel war es auf ihn gekommen, und all sein Beginnen war fortan gewesen, darin zu lesen und mit Griffel und Pinsel umfassende Auszüge daraus zu machen. Durch diese literarische Tätigkeit war er teilhaft geworden des Geistes, des Verstandes und der Vernunft, so daß er sprechen konnte mit jedem Menschen, auch sogar mit dem Vieh und den Tieren des Himmels und, was aus seinem Munde hervorging, sich wohl ausnahm. Nicht nur, daß er von Monat zu Monat alles Zukünftige erschaut hatte und was zwischen Tag und Nacht sich ereignen würde, nein, sondern jedes Ding war ihm offen gewesen, er hatte zu sagen gewußt, ob Hunger, ob Unglück bevorstehe, ob des Getreides viel sein werde oder wenig, ob vorgesehen sei Regen oder Dürre, ob Hundefliegen, Heuschrecken oder Abschäler kommen würden, ob der Baum seine Früchte verlieren würde oder die Menschen mit Grind geschlagen werden würden; auch ob die Gottlosen herrschen würden auf Erden und Seuchen unter Menschen und Vieh. Nicht genug damit, hatte er aus dem Buch das Werk der Wunder kennengelernt sowie die Geheimnisse und Schätze der Vernunft, die Gedanken der Demut, die Anschläge des Rates, so daß er nunmehr imstande gewesen war, die Stufen der oberen Regionen zu ergründen, alle sieben Wohnstätten zu durchstreifen, alle Planeten erkennend zu umkreisen. Ja, er hatte deren Gang zu beobachten vermocht, die Bahnen des Mondes erforscht, sich auf die Lichter verstanden, die jeden Monat ihren Dienst verrichten, den Namen jedes Kreislaufs zu nennen gewußt und genau die Engel gekannt, die den vier Jahreszeiten vorstehen. Dies alles hatte er begriffen durch des Buches heiligen Geist Tod und Leben, das Gute und Böse waren ihm durch und durch vertraut 131

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