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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 130

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Der Knabe Henoch
Date
1934-06-01
Page
130 (sequence 4)
Language
German
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Thomas Mann er so geheißen zu haben, mindestens jedoch wieder von dem Augenblick an, da Gott ihn als für diese Welt zu schade erachtet und ihn in einem feurigen Wagen — andere sagten: durch einen geflügelten Bergstier oder auch „in Gestalt" eines solchen — entrafft hatte. Auch Joseph nannte ihn „den Knaben fienoch" — in Übereinstimmung mit der Überlieferung, durchaus, aber so oft und gern, daß man merkte: es paßte ihm. Es schien übrigens, als habe der Königsknabe Hanok beizeiten schon selber gefunden, daß er für die Erde zu schade sei; denn mehr und mehr hatte er sich im Laufe der dreihundertfünfundsechzig Jahre von den Menschen zurückgezogen, sie immer seltener seiner Unterweisung gewürdigt und sich ihnen zuerst nur noch jeden dritten Tag, dann jede Woche einmal, dann nur jeden Monat, ja jedes Jahr gezeigt, so daß schließlich alle geradezu nach ihm gelechzt hatten, obgleich sie ihn auch wieder fürchteten und sein Antlitz im Grunde sehr schlecht ertrugen. Und die Gründe dieser Absonderung, dieser Vereinsamung, dieses immer zunehmenden Geizens mit seiner Gegenwart und Erscheinung? Sie beruhten erstens in einer Gottgefälligkeit, die ihren Mann gerade unter dem Geschlecht, dem er angehörte, dem verworfenen, schon zum Untergang verurteilten Menschengeschlechte von vor der Flut, zum weißen Raben und zu einer sowohl befremdenden wie auch seinerseits befremdeten und auf sich selbst zurückgewiesenen Ausnahme stempeln mußte und die denn auch noch mehr einen leidenden als tätigen Sinn gehabt zu haben schien, das heißt noch stärker die Bedeutung gewaltiger Vorliebe auf Seiten des Gottes, als den einer allerdings außerordentlichen Frömmigkeit und Sittenreinheit auf Seiten Henochs: er habe, hieß es, einen beispielhaften Wandel geführt, zu bestimmten Zeiten weder Zwiebel noch ander Gewürz, nicht Fisch noch Fleisch oder, worin Blut fließt, gegessen, sich morgens und abends in den Tränkrinnen mit lebendigem Wasser geheiligt und all sein Flehen dem Schöpfer zugewandt. Der zweite Grund seiner Isolierung war seine unerhörte Gelehrsamkeit und Schriftkundigkeit gewesen, die übrigens mit seiner Gottesfurcht und namentlich seiner Gottgefälligkeit weitgehend zusammengefallen und mit ihr zur Weisheit verschmolzen war. Man wollte wissen, er sei im Besitz der Buchrolle gewesen, die Adam einst aus der Hand des Engels Raziel empfangen hatte. Zweiundsiebzig Arten von Wissenschaften, welche in sechshundertsiebzig Zeichen der obersten Geheimnisse sich teilten, sowie fünfzehnhundert Schlüssel, die den Heiligen der Oberwelt nicht anvertraut sind, waren in dem Buche verborgen, so daß seine Kenntnis nicht nur einer umfassenden Einweihung in die Verschwiegenheit der Schöpfung gleichkam, sondern auch voll- 130

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