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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 132

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Der Knabe Henoch
Date
1934-06-01
Page
132 (sequence 6)
Language
German
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Thomas Mann: Der Knabe Henoch gewesen. Er hatte gewußt, was zum Glücken einer Sache verhilft, und das Geheimnis der Stunden, der Augenblicke und der Weilen ergründet, ebenso die Zahl aller Tage. War es nötig, zu sagen, daß er Träume und Gesichte zu deuten gewußt hatte? Es verstand sich beinahe von selbst Er hatte sich ausgekannt in dem Rollen des Donners, zu erzählen gewußt, was das Werk der Blitze sei, und gründlich die Lehre erfaßt von den Zeitabschnitten und Jubeljahren bis ans Ende der Welt. So viel von Henochs gelehrter Weisheit, die mit seiner Frömmigkeit eine untrennbare Einheit gebildet hatte. Diese Einheit aber wäre nicht vollständig gewesen ohne gewisse weitere Eigenschaften, die, ebenso untrennbar von ihr, sichtbarer Ausdruck der Gottgefälligkeit und also körperlicher Natur gewesen waren. Bewiesen wurden sie durch die Tatsache, daß der Knabe Hanok Gunst gefunden hatte in den Augen aller, die ihn „gesehen" — denn das war das Wort der Überlieferung, — nicht etwa „gehört". Wieviel von seiner Anziehungskraft auf Rechnung dieser Eigenschaften und wieviel auf die seiner Klugheit gekommen war, war offenbar niemals zu unterscheiden gewesen — Gott selbst hatte es wahrscheinlich nicht unterschieden. Auf jeden Fall war nicht daran zu denken gewesen, daß ihn je zu überwältigen vermocht hätten, die da Unheil pflügen. Den Nachstellungen der Bösen war er entgangen, und auf den Nacken seiner Bedrücker hatte er seinen Fuß gesetzt. Was Wunder, daß seines Namens zum Guten gedacht wurde bis auf den heutigen Tag? Das Eigentümliche aber war, daß es sich bei alldem um einen Knaben handelte, immer um einen weisen Knaben, mochte er hienieden auch dreihundertfünfundsechzig Jahre alt geworden sein. So schilderte Joseph ihn dem Benjamin und machte eine großäugige Pause, wenn er Henochs erstaunliche und absonderliche Buchgelehrsamkeit, Sprachgewandtheit und sichtbare Gottgefälligkeit hervorgehoben hatte, so daß Benjamin erschrak und zugleich in große Verlegenheit geriet ob der aufdringlichen Einflüsterung, die in diesem Blicken und Schweigen lag. Doch wollte der Kleine gerade diesen Schrecken und diese Verlegenheit nicht missen, sondern hing daran und konnte nicht oft und ausführlich genug vom Knaben Henoch hören. Wie es gewesen war, als dieser sich endgültig „abgesondert" hatte, darüber ließ Joseph sich nicht genauer aus. Noch einmal war die Menschheit, nach langem Lechzen, zu allgemeiner Versammlung vor Hanoks Angesicht beschieden worden, und letztmalig hatte er sie mit seinen Unterweisungen erquickt, sowohl was das Schuhwerk wie was die Speisevorschrift und Gesundheitsregeln betraf, je nach ihrer Eigenart und der des Klimas. Dann war er abgeholt worden . . . Weiteres sagte Joseph nicht. 132

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