Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Der Knabe Henoch
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 129 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Knabe Henoch und gewährt zugleich mit dem Glück der Heimlichkeit das Gefühl still triumphierender Unabhängigkeit vom Wirklichen. Joseph also spielte Henoch, und das hätte, wie oben, hingehen mögen, wäre er nicht, wenn nicht viel zu alt, so doch schon etwas zu alt dafür gewesen. Bei siebzehn Jahren und der sogar ungewöhnlichen geistigen Reife dieses Siebzehnjährigen, ist solche Kinderei überständig zu nennen. Sie besitzt unter diesen Umständen die Unschuld und Heiterkeit nicht mehr, die ihr sonst zukommt, sondern gewinnt den Charakter der Schwärmerei; das Spiel wird Ernst, ohne darum aufzuhören Spiel zu sein, und das ist eine Mischung, die ans Herz greift und wohl jenes beobachtete „Stocken und Blaßwerden" erklärt. Dem Jaakob war es entgangen. Er wußte nichts von Josephs erregtem Verhältnis zu Henoch, dem Sohne Jareds. Niemand wußte davon, außer Benjamin, dem Joseph es andeutete, — und man wünschte, er hätte es ihm lieber geradezu eingestanden, das wäre der Ruhe des Kleinen zuträglicher gewesen, als die Methode der Anspielung und Einflüsterung, die er beliebte, um den Bruder ins Vertrauen zu ziehen und auch wieder draußen zu lassen, und die das Kind verwirrte und ängstigte, aber es freilich auch spannte, ergötzte und wunderbar in Atem hielt. Er machte es so: Er erzählte dem Benjamin — nur auf Wunsch, aber der Kleine wünschte es eben um der Aufregung willen, die damit verbunden war — von Henoch, indem er diejenigen seiner Eigenschaften und Lebenstatsachen betonte und herausarbeitete, die mehr oder weniger mit seinen eigenen übereinstimmten, so daß man sich sagen konnte: Das ist ja ungefähr wie bei ihm! — und hatte dann eine Art zu schweigen und den Bruder groß anzusehen, daß diesem vor Schrecken der Mund offenstehen blieb. Joseph hatte es nicht schwer, der vorsintflutlichen Gestalt Hanoks, die so weit zurückstand — nur vier Geschlechter nach Adam stand sie — eine tendenziöse Färbung zu geben, denn ihre Deutlichkeit hatte stark unter der Verherrlichung gelitten, die Abrahams Kinder ihr widmeten, und das Gerede hatte schon ein kosmisches Gewölk um sie gelegt, zum Beispiel in der Aussage, seine Lebenszeit hier unten habe dreihundertfünfundsechzig Jahre betragen. Gewiß war, daß er auf Grund seiner außerordentlichen Weisheit lange Zeit die Stellung eines allgemeinen Königs und Sittenlehrers auf Erden eingenommen und eine Segensherrschaft ausgeübt hatte, indem er die Menschen mit wohltätigen Gesetzen, Speisevorschriften und Lebensbräuchen, geregelt nach ihrer Eigenart und nach der des Klimas, versah. Sogar Schuhwerk sollte er ihnen gemacht haben — ihm schrieb man die Erfindung zu. Warum aber hieß er dann „Der Knabe?" Natürlich war er einmal ein Knabe gewesen, wenn auch bereits ein sehr kluger. Aber sein Leben lang schien 129