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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 128

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Der Knabe Henoch
Date
1934-06-01
Page
128 (sequence 2)
Language
German
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Thomas Mann seine anmaßende Eigenschaft hinlänglich aufmerksam zumachen, und im übrigen hatte er vor ihnen bisher noch reinen Mund gehalten über seine Träume, die längst im Gange waren. Die stärksten, das ist schon hier zu bemerken, erzählte er ihnen überhaupt nie, weder ihnen noch dem Vater. Die er ihnen zu seinem Unglück erzählte, waren die vergleichsweise bescheideneren. An Benjamin aber ging es aus; er bekam in vertraulichen Stunden auch die ganz unbescheidenen zu hören, über die sonst zu schweigen Joseph doch Selbstbeherrschung genug besaß. Daß der Kleine, neugierig wie er war, sie mit wachsamstem Vergnügen anhörte und ihre Mitteilung sogar herausforderte, braucht nicht gesagt zu werden. Aber, ohnehin schon etwas melancholisch belastet durch allerlei undeutliches Myrtengeheimnis, das man ihm zumutete, konnte er sich doch auch im Lauschen einer ängstlichen Beklemmung nicht erwehren, die er seiner Unreife zuschreiben wollte und also zu überwinden trachtete, — mit Unrecht, denn sie hatte nur zuviel sachlichen Fug; er hätte ihr schon Raum geben mögen in seiner Seele, und einer Sorge vertrauen dürfen, die seiner Bewunderung niemals Abbruch tun konnte und ihn dem Bruder nur noch zärtlicher verband. Da es sich nämlich hier um Spitznamen dreht, so ist zu sagen, daß Joseph unter der Hand, insgeheim und im Spiele sich selbst einen gab, wenn's auch nichts weniger als ein Schimpf- und Spottname war, den er sich beilegte. Er nannte sich „Henoch". Warum und wieso? Uns entging nicht eine gewisse erregte Veränderung, die ihn befallen hatte, als, abends am Brunnen, zwischen Vater und Sohn die Rede auf diese frühe Figur, Henoch oder Hanok, den Sohn Jareds und Urgroßvater Noahs, gekommen war, den Gott ob seiner außerordentlichen Frömmigkeit und Klugheit geliebt und von hier hinweggenommen hatte. Woher diese Veränderung, dies Stocken und Erblassen? Eben daher, daß er zu Henochs Person gewisse spielerische und niemandem eingestandene Beziehungen unterhielt, sich ihm in der Einbildung gleichsetzte und tagelang vor sich selber so tat, als sei und heiße er Hanok, — ein bekannter Zeitvertreib bei Kindern und phantasievollen Halbwüchsigen mit Neigung zu heimlichen Träumereien: sie beschließen plötzlich, froh, daß niemand es ihnen verwehren kann, noch auch nur darum weiß, nicht sie selbst, sondern der und der zu sein: ein reicher Kaufmann, ein Kronprinz, ein weiser Zwerg oder Zauberer, ein Mensch von ungeheueren Körperkräften und dergleichen mehr. Die Vorzüge dieser Belustigung sind mannigfach: nicht nur, daß keinerlei äußere Vorkehrung dazu erforderlich ist, unterliegt die rein innere Mummerei und Auswechselung des Bewußtseins auch nicht der geringsten Störung durch die sachlichen Ansprüche des Tages und Lebens; sie kann unter allen Umständen fortgesetzt werden 128

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