Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Der Knabe Henoch
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 127 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Thomas Mann / Der Knabe Henoch „Der Knabe Henoch" ist ein fortgelassenes Kapitel aus Thomas Manns großem epischem Werk „Joseph und seine Brüder", und zwar aus dem zweiten Teil „Der junge Joseph". — Dies Kapitel ist eine Variation des Grundmotivs. Das Grundmotiv aber ist wohl: das Erlebnis eines Mythos soll durch mythisches Erleben vermittelt werden. Das heißt: die Geschichte von Joseph, der in der Grube begraben wird und dann im Ägypterland zu großen Ehren aufersteht, ist wohl Märchen-Echo uralter Gottesmythe vom begrabenen und auferstandenen Gott. (Wie etwa im Dornröschen der Walkürenmythos lebt.) Aber bei Thomas Mann wird dies Mythische Lebensinhalt der Gestalten, und bei dem schönen und klugen Joseph (diesem Vortyp des Ästheten, des Literaten!) sogar Bewußtseinsinhalt: er spielt (noch ehe er in die Grube kommt) den Adonis, den Zerrissenen und Wiedererstandenen, — er wird (mit fast bewußter Schauspielerei!) für die Ägypter Osiris, der Getötete und Wiedergekehrte, sein! So wird das Religiöse, Gebundene uralter Zeit uns im Seelischen wandelnder Gestalten seltsam gegenwärtig — so wird zugleich der erste voll bewußte Erleber des Mythos, wird Joseph erster Typ des Künstlermenschen, dessen bevorzugte und gefährdete Stellung in der sozialen Wert Thomas Manns ältestes und eigenstes Thema ist: Hanno Buddenbrook und seine Mitschüler — Tonio Kröger und seine Vaterstadt — Joseph und seine Brüder! Die mythische Gestalt des „Knaben Henoch" gibt nun ein weiteres Beispiel für die Art, wie Joseph sich in religiöse Traditionen hineinspielt. Thomas Mann hat das Kapitel wohl mit Recht gestrichen, denn es ist für das eigentliche Zentrum des Vorgangs mehr Ablenkung als Verstärkung. An sich aber ist es — zumal für Freunde altjüdischer Mythe — reizvoll und kennenswert. Julius Bab Damals nannten die Brüder den Joseph noch nicht den „Träumer", aber bald schon kam es dahin. Wenn sie ihn vorderhand nur „Utnapischtim" und „Steineleser" nannten, so erklärt sich die Gutmütigkeit dieser als Ekelnamen gedachten Bezeichnungen lediglich durch den Mangel der jungen Leute an Erfindungsgabe und Einbildungskraft. Sie hätten ihni wahrhaftig gern schärfere gegeben, nur fielen ihnen keine ein, und so waren sie froh, als sie ihn „Träumer von Träumen" nennen konnten, was schon schärfer war. Der Tag aber war noch nicht gekommen; seine Schwatzhaftigkeit im Punkte des Wettertraumes, womit er den Vater getröstet, hätte nicht genügt, sie auf diese 127