Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 124 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau schütterungen, ihren Weihen, ihrer Schöpfernähe erlebt werden können. Die seelische Spannung, die religiös schöpferisch ist, ist dem Zivilisationsmenschen, nicht nur dem Juden, in hohem Maße verloren gegangen. Die Gotteshäuser auch der anderen Konfessionen wurden leerer, trotz Rückhalt und Förderung durch Staat, Gesellschaft und Schule, und ohne die Komplikationen durch Emanzipation und Assimilation. Die wesentlichste Ursache hierfür liegt in der Intellektualisierung des Menschen, in der Vorherrschaft des ökonomischen Denkens. Der intellektualisierte Mensch, das Produkt des wissenschaftlichen Jahrhunderts, ist kein religiös begabter Mensch. Er wandelt nicht in Demut vor Gott. Er trägt die alte von den griechischen Tragikern gezeichnete, die rechte Hybris im Herzen. Es ist unbedingtes Gebot, daß wir die gegenwärtige Dürftigkeit unserer religiösen Begabung erkennen, um die Erziehung zu religiöser Erlebnisfähigkeit mit allem Ernst und allem Willen intensiver zu gestalten. Die geschichtliche Stunde, in die wir gestellt sind, legt uns eine nur einmal mögliche Entscheidung auf. Niemand von uns deutschen Juden glaube, daß für unabsehbare Zeiten eine Zufluchtsstätte möglich ist, die nicht in der jüdischen Gemeinschaft und im eigenen jüdisch erfüllten Herzen läge. Wer glaubt, daß er sein Leben sub specie momenti, nicht sub specie aeternitatis leben könne, hat den Ruf an ihn nicht verstanden. Vielleicht war es geschichtlich notwendig, daß wir Juden rechtzeitig aus unserer Sicherheit aufgeschreckt wurden. Nicht darauf kommt es an, daß wir Erfüllung und Krönung der Arbeit an uns erleben. Die Frage nach einem „sonnigen Glück" ist keine jüdische Frage. Aber daß wir uns besinnen und mit aller Stärke, allem Glauben für die Stunde des Umbruchs der abendländischen Menschheit uns bereit machen, ist unsere Aufgabe. Im übrigen: solche Aufgabe ist in keinem Falle überflüssig. Vielleicht verlangen wir ungeduldig zu viel, wenn wir wünschen, daß unser Gefühlsvermögen unmittelbarer, nicht nur auf dem Wege über das Lernen und Wissen angesprochen werden möchte. Die Umformung des rationalen Menschen in einen kontemplativen wird durch Erlebnis stärker als durch Belehrung gefördert. Das religiöse Verhalten des Menschen wird ohne Wandlung seiner seelischen Haltung überhaupt nicht entscheidend beeinflußt werden können, wenigstens soweit es sich um die Jahrgänge von einem bestimmten Alter ab handelt. Das Erlebnis des jüdischen Schicksals als solches in den Werktag stärker hineinzustellen, nicht in alltäglicher Diskussion, sondern in seiner sinngebenden jüdisch-menschlichen Bedeutung, in seinem symbolhaften Wert, in der Heiligkeit und belebenden Kraft seiner 124