Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 125 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kolonialreligion.? Tragik, in seiner Verflechtung mit unserer Wanderung durch die Zeiten, hierfür wäre ein Weg neben dem Wissen um geschichtliche und religiöse Werte zu suchen. Das Erleben religiösen Gedanken- und Gefühlsgutes setzt sicherlich das Wissen von diesen Werten voraus. Nur dürfen Möglichkeit und Fähigkeit hierzu, das Lernenkönnen, nicht in den weiteren Schichten der jüdischen Gesellschaft als gegeben angenommen werden. Der Wille zur Religion ersetzt nicht die Erlebnisfähigkeit dafür. Am unmittelbarsten wird das jüdische Brauchtum zum Herzen sprechen. Die Sederfeiern des Jahres 1934 erinnerten in der Bekundung ihres Willens an die Passahfeier unter dem Könige Josija, von der geschrieben ist: So ist das Passah in Israel nicht gefeiert worden seit den Tagen des Propheten Samuel. Ein Gemeinschaftswille in allen wirklich jüdischen Häusern unter Erfassung des letzten jüdischen Menschen, ein Erlebnis jüdischer Historie zu derselben Stunde, ein Sichbesinnen auf seinen jüdischen Gehalt — so ist das Passah lange nicht in Israel gefeiert worden. Vom Jahrzeitlämpchen und dem Kaddischgebet für die Eltern, vom Kiddusch und sabbathlichen Segen der Kinder, von der religiösen Trauung, vom Zedokoh- Geben her (und der Purimfreude nicht zu vergessen) führt der leichtere Weg zur Religion. Vielleicht sind wir ihr näher als wir glauben. Denn das Schicksal, das ihm allein zugehört, hat neue Spannungen im deutschen Juden geweckt. Da wir in den Schmelzofen hineingetan wurden, sollte nicht auch der alte Rationalist in uns wieder zum totalen Menschen umgegossen werden können, der sich nicht vor seiner Bildung, vor seiner irdischen Weisheit — schämt, Religion zu leben? Durch unser Blut und Gehirn zittert das Erlebnis unseres Schicksals. Viele jüdische Menschen fragen nach seinem Sinn. Sind wir Gefäß göttlicher Gnade? Sind wir Schale göttlichen Zorns? Vielleicht ist dieses Fragen schon Wanderung auf den Wegen zur Religion. Im Maihefi schrieben u.a. Meia Samson, Das möblierte Zimmer / Arno Herzberg, Jüd. Journalismus heule / Leo Hirsch, Figuren zwischen den Zeilen / H. L Schoeps, Aus Franz Kafkas Nachlaß / Margot Rieß, Kulturbund-Programme Das Julihefi bringt u.a. Hans Bach, Ende des Bürgertums? / Hans Rosenfeld, Ein jüdischer Adel? / 1000 Jahre Statistik / Bertha Badl-Strauß, Jacob Bernays und J. von Bunsen / Alice Siein - Landesmann, Kleiner Emigrant 125