Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 123 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Kolonialreligion? vielen Häusern. Sind wir solcher Art, dann wollen wir solcher Art wieder würdig werden. Das Schicksal, das immer recht hat, weil es als lebendigstes Leben nicht widerlegt werden kann, religiöse und seelische Tradition haben uns so geformt. Ob wir unsere Gemeinschaft als Religionsvolk, als Schicksalsvolk, als Artgemeinschaft, als Kulturgemeinschaft oder wie immer bezeichnen wollen, ob es für unser jüdisches Sein im deutschen von uns weiterhin gewollten Lebensraum überhaupt eine landläufige, eine erschöpfende oder eine von Soziologen erst noch zu prägende Begriffseinordnung gibt, ist unerheblich, wenn wir die Sache selbst erkennen. Religion lebt nicht ohne ihre Träger, und diese sind nicht nur Bekenner der Religion, sondern Menschen überhaupt, mit biologischen, geistesgesetzlichen, sozialen, geschichtlichen, kulturellen Abhängigkeiten und Elementen, die in ihrer Vollkommenheit eben Volkstum genannt werden. Die deutschen Juden, aber auch die heutigen palästinensischen, als „Volk" zu bezeichnen, wie man schlechthin von einem Volk spricht, erscheint uns sachlich zwar nicht angängig. Aber daß unsere Ganzheit und Vielheit ein blutvolles Substrat hat, daß wir Glieder eines körperhaften Sozialgebildes, eines gesellschaftlichen Körpers innerhalb einer gesellschaftlichen Großform sind, eine Wirklichkeit aus verschiedenen Gegebenheiten, eine Gemeinschaft mit volkhaften Lebensäußerungen, das ist für uns das Ergebnis nicht irgend welcher politischen Forderung, sondern wir erleben es. Wichtig ist die Erkenntnis, daß diese Lebensgemeinschaft Trägerin des religiösen Lebens ist, das nur Teiläußerung, wenn auch die primäre und ideell stärkste des totalen jüdischen Lebens ist Religiöses Leben in vollkommener Blüte ist nicht denkbar, wenn nicht das Gemeinschaftsdasein als solches bis zur denkbar vitalsten Lebensfähigkeit im Rahmen der gesetzmäßigen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Möglichkeiten gesteigert wird. Abzulehnen ist der Einwand, daß nur räumliche Geschlossenheit, Verbundenheit mit dem Boden, gesunde Berufsschichtung Religion ermöglichen. Es kommt vielmehr auf die religiöse Eignung und Begabung der Menschen und der Zeiten, auf religiöse Erziehbarkeit und Erlebnisfähigkeit überhaupt an. Der jüdische Staat der Geschichte ist zur Religion erst gelangt, als seine recht bescheidene nationale, man möchte sagen, national-kleinbürgerliche Herrlichkeit zu Ende ging. Das Mittelalter hatte religiös produktive Perioden. Dem Roschhaschanah- Feste und dem Versöhnungstage zum Beispiel gab ihren numinösreligiösen Charakter überhaupt erst das mittelalterliche jüdische Erlebnis: weil diese Tage von symbolhafter Bedeutung für die Diaspora-Existenz, weil sie ein Siegel des Galuthjudentums sind, weil sie nur von Juden, die lebendiges Zeugnis des jüdischen Schicksals sind und nicht in der „Heimat" leben, in ihren Er- 123