Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 122 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau Diasporajudentum wird wie bisher eine zwangsläufige Notwendigkeit, ein geschichtliches Faktum sein. Was geschichtlich geworden und gewachsen ist, was Jahrtausende überdauert hat, was Wirklichkeit ist und ungebrochenen Lebenswillen hat, was Erneuerung sucht und Selbstbesinnung, was aus manchen Verschüttungen herausstrebt, den Atem der geschichtlichen Stunde in sich verspürt, sollte es fragmentarisch sein, wenn es seine Lebensform einem eigenen Gesetze gemäß sucht? Geht man davon aus, daß die Diaspora die „Heimat" beschenken könne, dann ist die Frage nach dem fragmentarischen Charakter des jüdischen Lebens auf deutscher Erde, — wo „die vielen hundert Jahre des Lebens genügt haben, um in den jüdischen Menschen die Werte der deutschen Kultur zu einem heiligen und unverlierbaren Besitz zu machen" (Prinz, Wir Juden S. 157) —, überhaupt unwesentlich. Man muß dann auch dieses Judentum bejahen, mit ganzem Herzen, weil es zur Totalitat des jüdischen Lebens überhaupt gehört, weil nur die Bejahung des geschichtlich Notwendigen die innere Bereitschaft, den amor fati erzeugt, ohne den jüdisches Leben in Deutschland am Ende doch nur fragmentarisch-jüdisches Leben bleibt. II. In jenen Tagen des Vorjahres, in denen uns der laute Ruf des Kampfes weniger erschütterte als das große Schweigen, das sich um uns auftat, in jenen lenzlichen Nächten, in denen Menschliches in uns erfror, entdeckten die deutschen Juden die außerreligiöse Sphäre ihrer Seele. Nicht allein das Bewußtsein eines religiösen Zusammenhangs, sondern Wesenhaftes und Wesentliches des Jude-Seins außer ihm wurden lebendig. Es ergab sich, daß im jüdischen Menschen nicht eine einzige Kraftquelle, die religiöse, lebte, sondern daß in ihm noch andere Kristallisationskerne wirken. Die Erkenntnis, daß Judentum nicht nur eine Summe von Individuen und Individualisten sei, wurde unter der Gewalt eines die Seele zum Weißglühen bringenden Erlebnisses Herrin über eine Gedankenwelt, die zur Ideologie zu erstarren drohte. Wir sind eine Gemeinschaft, nicht nur eine religiöse Gemeinde. Und die Kräfte, die das Bewußtsein von dieser Gemeinschaft in uns aufspürte, gilt es, in ihrer Wirksamkeit zu stärken. Über die Terminologie braucht man nicht zu streiten. Niemand von uns sollte heute wegen des Wortes „Volk" sich ereifern. Nicht ein minderes oder besseres Deutschbekenntnis, sondern das andere Blut errichtete neue Grenzsteine. Dieses Scheidungsmerkmal, wenn es ein solches sein muß, leugnen wir nicht ab. Der Adel menschlicher Bewährung und vorbildhafter Leistung innerhalb einer Gemeinschaft ist nicht an Rasse gebunden. Unser Dokument solchen Adels, „das Buch", liegt in 122