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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 121

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Kolonialreligion?
Date
1934-06-01
Page
121 (sequence 5)
Language
German
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Kolonialreligion? Die geschichtliche Dauer der Verbundenheit Israels mit seinem Boden wird erfahrungsgemäß überschätzt. Die Offenbarung liegt vor der Nationwerdung und außerhalb des heiligen Landes, die Propheten tauchen erst am Ende der zweifelhaften nationalen Herrlichkeit auf, darum schon zweifelhaft, weil die Institution des jüdischen Königtums eine religiös durchaus unschöpferische Epoche bedeutete. Das Nordreich hat sich nicht gescheut, den Tempel zu Jerusalem auszuplündern. Der nationale Gedanke, wie er in schöner Assimilationsfreudigkeit heute verstanden wird, ist jener Zeit überhaupt fremd. Er ist ein Produkt unserer Tage, die jene frühere Zeit in ihre eigene Beleuchtung stellen. Gemeinschaft ohne körperliches, wesenhaftes Substrat, Gemeinschaft ohne sie tragende Menschen ist freilich nicht denkbar. Eine hiervon verschiedene Frage aber ist die nach der Form, der Organisation, der Körpergestalt der Gemeinschaft, ist ferner die Frage, in welchem Grade durch die Dynamik inneren Lebens die unvollkommene Statik des äußeren gesellschaftlichen Daseins ersetzt werden kann. Es gibt keine allgemeingültige Norm des gesellschaftlich organisatorischen Aufbaus. Die geistige Kraft, die gerade aus dem Mangel äußeren Zusammenhanges sich erheben kann, hat stärkere gemeinschaftsbildende Bedeutung als ein korrektes Gemeinwesen, das technisch-organisatorisch funktioniert. Die jüdische Gemeinschaft hat im Laufe der Geschichte Formgestaltungen angenommen, die in eine bestimmte Kategorie nicht eingeordnet werden können. Das babylonische Judentum, das einst den Talmud schuf, das spanische Judentum, das nach Spengler die gotische Blütezeit der jüdischen Geschichte bildet, das deutsche mittelalterliche Ghetto, das polnische Judentum bestimmter Epochen — sie alle waren gelebte Gemeinschaft, anders als das Judentum der Königs- und Hasmonäerzeiten, anders als das palästinensische Judentum von heute und der Zukunft. Sie hatten ihre untereinander verschiedenen Daseinsformen. Sie waren Diaspora, nicht nationale Gemeinschaft. Solche Mannigfaltigkeit aber aneinander vergleichen, insbesondere hinsichtlich ihrer politischen bürgerlichen Formgebungen aneinander werten und abwägen zu wollen, ist ungeschichtlich. Man vergleicht mit ihnen auch nicht die alten Königszeiten. Alle diese späteren Gemeinschaften waren religiös schöpferisch, obwohl sie dann doch auch als jüdisch-fragmentarisch bezeichnet werden müßten. Sind sie nach den ihnen immanenten Gesetzmäßigkeiten eine Ganzheit, die von denen, die in ihr leben, auch als Ganzheit gefühlt und gelebt wird, sind sie von innerlichem Zwange erfüllt, sind sie schöpferisch, dann sind sie nicht fragmentarisch. 121

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