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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 120

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Kolonialreligion?
Date
1934-06-01
Page
120 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Landau in die Länder der Zerstreuung ausgestrahlt werden, und zwar in dem Grade, daß sie jüdische Lebensformen und Lebensgehalte hier gestalten. Der Einzelne wird Impulse in sich selbst anfachen können, so daß er, durch eigene Kraft erhoben, an Palästina als „Heimat" denken könnte, selbst wenn er westlicher Großstädter bleibt. Das ist hier jedoch nicht gemeint. Hier handelt es sich um die normale Strahlungsfähigkeit eines kulturell geschlossenen Volkskörpers und um die Aufnahmefähigkeit einer von ihm abgetrennten Gruppe. Unser Milieu, unser Eingegliedertsein in ein größeres Sein, unsere religiöse Eignung werden immerhin mit palästinensischer Daseinsform nur ganz bescheidene Übereinstimmungen haben können. Mit der „neuen freien volkhaften jüdischen Religiosität", von der Prinz in seiner Streitschrift schwärmt, ist der Diaspora nicht gedient. Die geschichtliche Erfahrung lehrt ferner, daß die geistige Ausstrahlung eines nationalen Körpers ferne abgesonderte Gruppen nicht intensiv ergreift. Man denke an das Schicksal der antiken Kolonisation, an die Probleme der Germanisierung und Polonisierung, an das Beispiel Amerika-Europa. Die Erlebnisse, die Daseinsformen, die geistige Substanzbildung des deutschen Judentums, sein Eigenleben machen es zu einer Größe eigener Art, zu einem einzigartigen Sein, das nach seinen inneren Gesetzen und auf seinem eigenen Raum gestaltet werden muß. Voraussetzung ist, daß man es bejaht. Wer es nur als eine Art geistige Kolonie eines physisch noch nicht vorhandenen und geistig noch gestaltlosen Mutterlandes ansieht, wer es — es sei gesagt — nicht mit allen seinen Mängeln liebt, wer nicht die religiöse Kraft in sich aufglimmen fühlt, die solche Liebe zu entzünden vermag, dessen Judentum ist nicht totales Judentum. Wiener spricht mit Recht von einem gegenseitigen Beschenken der Heimat und der Diaspora. Wie steht es aber mit seiner Ansicht, daß es „auch für den ehrlichsten Willen nur ein fragmentarisch-jüdisches Leben" hier geben könne? Geht man davon aus, daß die Existenz jüdischen Lebens ein eigenes Territorium und, wie Prinz meint, ein „jüdisches Nationalgefühl" voraussetzte, dann ist, von solcher Ebene aus gesehen, das jüdische Dasein von 2000 Jahren fragmentarisch gewesen und wird es auch in Zukunft für die überwältigende Mehrheit der Juden sein. Es werden hier zwei in Umformung begriffene Größen in Beziehung gesetzt, die beide erst neue Wirklichkeiten werden müßten, bevor ihr Wert gegeneinander abgewogen werden kann: die eine wird in ihrer vollkommensten Vollendung geschaut, die andere in einem Zustand zeitlichen Niederganges, von dem wie von jenem bekannten überwundenen Mann des Liedes Stimmen schweigen. 120

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