Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 119 (sequence 3)
- Language
- German
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Kolonialreligion? verhaftet der großen Stadt, andere mit heißem Bestreben, aber innerer Unfertigkeit zur Umschichtung bereit. Nicht absehbar ist, wann an die Stelle der biologischen, traditionellen, sozialen, geistigen Verschiedenheiten eine neue höhere Einheit gesetzt werden kann. Das Beispiel Amerika lehrt, daß es Generationen dauert, bevor etwas wie eine Gesellschaft, geschweige kulturelle Gemeinschaft sich herausgebildet hat. Die Metamorphose des palästinensischen Bürgers (civis palästinensis) zum jüdischen Menschen (homo judaicus) erfordert dringend, die konstituierende Kraft der religiösen Idee lebendig zu machen. In der heutigen Situation offenbart sich die Unvollständigkeit der national-jüdischen Ideologie in ihrer ursprünglichen Konzeption. Herzl beobachtete als Österreicher die Auftriebskraft des nationalen Gedankens unter den Völkern des Balkans und der österreichisch-ungarischen Monarchie. Daß die damals ungeheure propagandistische Kraft des nationalen Gedankens ihn diesen als das primäre Element sehen ließ, das für seine Aufgabe wirksam zu machen sei, ist verständlich. Historisch gesehen lag in dieser Konzeption eine Fehlerquelle, aus der die weitgehende Säkularisierung des religiösen Denkens auch in nationaljüdischen palästinensischen Kreisen herzuleiten ist. Wenn nunmehr die Bestrebungen einsetzen, neuen Zugang zur Religion zu erarbeiten, wenn der religiösen Idee der geschichtliche Primat wieder eingeräumt werden sollte, dann wird eine Grundlage für eine neue Aussprache innerhalb der jüdischen Gemeinschaft geschaffen. Noch aber hat Palästina in religiöser Beziehung den Anspruch auf Vorherrschaft nicht beglaubigt. In welcher Zeit, in welchen Formen religiöses Leben in Palästina als innere Notwendigkeit erfühlt werden wird, weiß niemand. Man kann Religion nicht wollen, sondern bestenfalls nur lernen, sie zu finden. Soll sie gelebte Wirklichkeit sein, dann bedarf es der grundsätzlichen Umformung des heutigen Menschentyps, der durchaus rationalistisch denkt und verlernt hat, aus religiöser Spannung zu leben. In diesem Zusammenhange fragt sich vor allem, wann der palästinensische Jude als menschliche Individualität reif für das religiöse Erlebnis ist. Wird er nicht zu unproblematisch sein? Wird er, befreit vom Schicksal der Zerstreuung, nicht zu beruhigt sein? Wird er sich mit der jüdischen Existenz als bloßer Existenz in Palästina begnügen? Wird er um jüdisch verinnerlichtes Leben sich noch bemühen wollen oder als Kolonist sich bemühen können? Die Luft von Erez Israel soll weise machen, zitiert Wiener. Man muß aber auch weise werden können. Aber selbst wenn diese Weisheit Besitz von vielen würde, was erst nach einer Wende der Zeiten denkbar wäre, wäre doch noch zu prüfen, ob jüdisch-religiöse Werte von Palästina 119